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Nachruf: Prof. Dr. Widmar Tanner (1938-2026)

Prof. Dr. Widmar Tanner. Foto: privat, mit freundlicher Genehmigung der Familie Tanner

Ende April ist unser Ehrenmitglied, der Pflanzenphysiologe Prof. Dr. Widmar Tanner (Universität Regensburg), im Alter von 87 Jahren verstorben. Dank seiner Freude am Experiment, seiner Sorgfalt und Wissbegier sowie seiner Fähigkeit Erkenntnisse über die Disziplinen hinweg zu verbinden, hat Widmar Tanner nicht nur neue Forschungsfelder etabliert, sondern prägte zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die später auf Professuren berufen wurden. In seinem Nachruf schildert Prof. Dr. Ekkehard Neuhaus die Stationen des Regensburger Forschers, skizziert, welche molekularen Prozesse Widmar Tanner aufdeckte und international sichtbar machte und was ihn zu einem inspirierenden Gesprächspartner machte. 

Die Deutsche Botanische Gesellschaft nimmt in großer Trauer Abschied von Prof. Dr. Widmar Tanner, einem außergewöhnlichen Wissenschaftler und Menschen, der die internationale Pflanzenbiologie über Jahrzehnte hinweg maßgeblich geprägt und bereichert hat. Mit Prof. Widmar Tanner verlieren wir nicht nur einen der bedeutendsten Pflanzenbiologen seiner Generation, sondern auch einen Kollegen, der durch seine Neugier, seine Offenheit und Zugewandtheit sowie durch seine intellektuelle Unabhängigkeit viele von uns nachhaltig beeindruckt hat.

Münchner wecken Tanners Begeisterung für die Forschung

Sein wissenschaftlicher Weg begann in München, wo er von herausragenden Persönlichkeiten wie dem Biochemiker und Nobelpreisträger Feodor Lynen, den Pflanzenwissenschaftlern Otto Kandler, Hermann Merxmüller und Meinhart Zenk sowie dem Physiologen Hansjochem Autrum geprägt wurde. Dieser in seiner Qualität herausragende naturwissenschaftliche Schmelztiegel hat in ihm früh eine enorme Begeisterung für die Wissenschaft entfacht – eine Begeisterung, die Widmar Tanner Zeit seines Lebens erhalten und weitergeben konnte.

Metabolische Prozesse in den USA erkundet

Auf Anregung von Meinhart Zenk führte ihn sein Weg in die USA in das Labor von Harry Beevers. Das Labor von Beevers war eines der wenigen, die in der Lage waren, mit Hilfe von 14C-markierten Substraten metabolische Flüsse und Konversionen zu analysieren. Dort zeigte sich bereits sein außergewöhnliches Talent, denn mit seinen Arbeiten zum Glyoxylat-Zyklus in Rizinussamen leistete er grundlegende Beiträge zum Verständnis der pflanzlichen Lipidmobilisierung. Maßgebliche Ursachen für seine frühen Erfolge waren die unermüdliche Freude am Experiment und seine Fähigkeit, auch schwierige Fragestellungen mit Klarheit und Kreativität zu durchdringen.

Grünalgen und Gefäßpflanzen

Zurück in München trat Widmar Tanner in die Arbeitsgruppe von Otto Kandler ein und erweiterte seine Forschung auf neue Gebiete: insbesondere auf Fragen zur Photosynthese in der einzelligen Grünalge Chlorella oder zur Biosynthese komplexer Kohlenhydrate in Gefäßpflanzen. Es war typisch für ihn, geeignete Modellsysteme mit großer Umsicht zu wählen und daraus grundlegende Einsichten zu gewinnen. Seine Arbeiten aus dieser Zeit – etwa zur Rolle von Galactinol oder zu Dolicholphosphat-Mannose – zeigen eindrucksvoll seine Fähigkeit, scheinbar kleine Beobachtungen in größere biologische Zusammenhänge einzuordnen.

Mit 32 Jahren als Professor nach Regensburg

Im Jahr 1970 folgte er dem Ruf an die Universität Regensburg, wo er im Alter von lediglich 32 Jahren den Lehrstuhl für Zellbiologie und Pflanzenphysiologie übernahm. Für viele von uns ist diese Zeit untrennbar mit seinem Namen verbunden: als engagierter Hochschullehrer, als prägende Persönlichkeit der Fakultät und als Kollege, der den wissenschaftlichen Austausch auf nationaler, wie internationaler Ebene suchte und lebte. Gemeinsam mit Kollegen wie Karl Otto Stetter, Manfred Sumper, Rainer Jaenicke und Andreas Bresinsky trug Widmar Tanner entscheidend dazu bei, die junge Universität Regensburg zu prägen und seine Fakultät zu einem lebendigen und international sichtbaren Zentrum der Lebenswissenschaften zu entwickeln.

Zuckertransport und neue Perspektiven 

Seine wissenschaftliche Handschrift zeigte sich besonders in den Arbeiten zum Zuckertransport. Mit großer Ausdauer und Präzision gelang es ihm und seiner Arbeitsgruppe, grundlegende Mechanismen dieser Prozesse aufzuklären und damit ein Forschungsfeld entscheidend zu prägen. Widmar Tanner war es, der die Grundlage dafür legte, dass dem Gebiet der pflanzlichen Transportbiologie internationale Aufmerksamkeit zuteil wurde.

Gleichzeitig blieb Widmar Tanner stets offen für neue Fragestellungen – sei es in der Hefezellbiologie, bei der Erforschung von Glykosylierungsprozessen oder bei der Bedeutung von Membranmikrodomänen. Charakteristisch war dabei seine Fähigkeit, Verbindungen zwischen unterschiedlichen Disziplinen zu erkennen und daraus neue Perspektiven zu entwickeln.

Freude am Diskurs, inspirierende Gespräche und wissenschaftliche Auszeichnungen

Wer mit Prof. Widmar Tanner zusammengearbeitet hat, erinnert sich nicht nur an seine wissenschaftliche Klarheit, sondern auch an seine Freude am kritischen Diskurs. Er stellte Fragen, wo andere Antworten akzeptierten, und scheute sich nicht, etablierte Lehrmeinungen zu hinterfragen – etwa in seiner gemeinsamen Arbeit mit Harry Beevers zum Zusammenhang von Transpiration und Nährstofftransport (Tanner and Beevers 2001, Proc. Natl. Acad. Sci, 98, 9443-47). Gerade diese Haltung machte ihn für viele Kollegen und Kolleginnen zu einem inspirierenden Gesprächspartner.

Die Anerkennung seiner Arbeit zeigte sich auch in zahlreichen Ehrungen und Mitgliedschaften, unter anderem in der European Molecular Biology Organization, der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, der korrespondierenden Mitgliedschaft in der American Society of Plant Biologists, der Sudetendeutschen Akademie der Wissenschaften und Künste sowie seit 2022 der Ehrenmitgliedschaft in unserer Deutschen Botanischen Gesellschaft (DBG). Wichtiger als jede Auszeichnung war ihm stets die Qualität der Wissenschaft selbst.

Zahlreichen Forschenden den Weg geebnet 

Besonders prägend war sein Wirken als Lehrer und Mentor. Viele seiner Schülerinnen und Schüler erinnern sich an eine Atmosphäre, die von Vertrauen, intellektueller Freiheit, Respekt und hohem wissenschaftlichem Anspruch geprägt war. Er verstand es, Talente zu erkennen und zu fördern, ohne ihnen den eigenen Weg vorzugeben – ein Ansatz, der zahlreiche erfolgreiche wissenschaftliche Karrieren hervorgebracht hat, so u.a. Prof. Guido Grossmann (Düsseldorf), Prof. Ewald Komor (Bayreuth), Prof. Thomas Roitsch (Kopenhagen), Prof. Norbert Sauer (Erlangen) und Prof. Sabine Strahl (Heidelberg).

Über das eigene Fach hinaus engagierte sich Widmar Tanner in bemerkenswerter Weise: in wissenschaftlichen Gremien, in der akademischen Selbstverwaltung und in der Vermittlung von Wissenschaft in die Gesellschaft. So war Widmar Tanner u.a. Vizepräsident seiner Universität, Mitglied im Senat und im Präsidium der Deutschen Forschungsgemeinschaft und wurde in den Wissenschaftsrat berufen. Mit großer Überzeugung trat er in diesen Funktionen unermüdlich für eine sachliche und fundierte Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Themen ein. 

Mit Prof. Widmar Tanner verliert unsere Community einen Wissenschaftler von großer Klarheit und Weitsicht, einen engagierten Lehrer und einen sehr geschätzten Kollegen. Viele von uns verlieren zudem einen persönlichen Wegbegleiter. Die Deutsche Botanische Gesellschaft wird ihm ein ehrendes Andenken bewahren. In Gedanken sind wir bei seiner Familie und allen, die ihm nahestanden.

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Im Mai 2026

Prof. Dr. Ekkehard Neuhaus, Rheinland-Pfälzische Technische Universität Kaiserslautern-Landau, RPTU: https://bio.rptu.de/fgs/pflanzenphysiologie/team/neuhaus