27. September 2011 · Actualia · Botanikertagung

"Von der Botanik hat sich die menschliche Gemeinschaft am meisten zu versprechen ..."

"Die Botanik ist eine Wissenschaft .... , von der sich die menschliche Gemeinschaft am meisten zu versprechen hat ..." Dieses Zitat hat nichts von seiner Aktualität eingebüßt, wie Professor Dr. Ulf-Ingo Flügge zur Eröffnung der Botanikertagung ausführte, auch wenn es ein großer deutscher Forscher schon vor mehr als 200 Jahren aufschrieb. Angesichts des schlechten Platzes, das Deutschland in der jüngsten OECD-Bildungs-Studie belegt, mahnte DBG-Präsident Flügge, dass die hiesigen Pflanzenwissenschaften sich nicht von anderen überflügeln lassen dürfen. Er blickte optimistisch auf die jüngsten Forschungsinitiativen.
Flügges Worte zur Eröffnung der Botanikertagung in Berlin

Sehr geehrter Herr Präsident Alt, sehr geehrter Herr Dekan Reißig, liebe Kolleginnen und Kollegen, meine Damen und Herren,

ich möchte Sie alle im Namen der Deutschen Botanischen Gesellschaft und auch der Vereinigung für Angewandte Botanik zur Botanikertagung 2011 herzlich begrüßen. Vor allem freue ich mich, dass wieder so viele, in diesem Jahr über 400 junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Promovierende und Studierende, deren Förderung uns besonders am Herzen liegt, zur Botanikertagung nach Berlin gekommen sind.

Die Botanikertagung wird nun zum dritten Mal in Berlin ausgerichtet. 1932, anlässlich des 50jährigen Bestehens der Deutschen Botanischen Gesellschaft, wurde sie von der Berliner Universität, der späteren Humboldt Universität organisiert, 1992 von der Freien Universität, und in diesem Jahre gemeinsam von der Freien Universität und der Humboldt Universität.

Ein Blick in das Tagungsprogramm und die Liste der Plenar- und Symposiumssprecher verrät, dass uns unter dem Motto „Diversity makes the difference“ eine Strauss hochkarätiger Präsentationen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland erwartet. Allen Berliner Kolleginnen und Kollegen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, dafür unseren ganz herzlichen Dank, vor allem Reinhard Kunze und Bernhard Grimm und ihrem Mitarbeiterstab.

Die Botanikertagung hat auch die Aufgabe, den aktuellen Stellenwert der pflanzenwissenschaftlichen Forschung zu dokumentieren. Dazu möchte ich ein Zitat voranstellen: „Je mehr die Menschenzahl und mit ihr der Preis der Lebensmittel steigen, je mehr Völker die Last zerrütteter Finanzen fühlen müssen, desto mehr sollte man darauf sinnen, neue Nahrungsquellen gegen den von allen Seiten einreißenden Mangel zu eröffnen. Wie viele Kräfte liegen in der Natur ungenutzt, deren Entwicklung Tausenden Menschen Nahrung oder Beschäftigung geben könnte… Die meisten Menschen betrachten die Botanik als eine Wissenschaft, die ... nur zum Vergnügen oder allenfalls zur subjektiven Bildung des Verstandes dient. Ich halte sie für eine von den Studien, von denen sich die menschliche Gemeinschaft am meisten zu versprechen hat“.

Diese Einschätzung der Pflanzenwissenschaften klingt hochaktuell und modern, stammt aber nicht aus der heutigen Zeit, sondern aus einem Brief Alexander von Humboldts, der sich damals in Berlin aufhielt, an seinen Bruder Friedrich Wilhelm aus dem Jahre 1789. Alexander von Humboldt war damals 20 Jahre alt, also nach heutigen Maßstäben ein Bachelor Student und stand 10 Jahre vor seiner ersten großen Forschungsreise durch Lateinamerika. Die Liebe zur Botanik hat er übrigens durch das Sammeln und Bestimmen von Pflanzen während seiner Ausflüge hier im Berliner Tiergarten entdeckt. Wilhelm von Humboldt, der Adressat des Briefes, gründete 20 Jahre später, 1809, als preußischer Kulturminister die Berliner Universität. Von ihm stammt auch die bis heute tragende Universitätsidee und das Bildungsideal der Einheit von Forschung und Lehre.

Bildung, das ist ein weites Feld. Dazu gehören auch Investitionen in Forschung und Lehre. Der OECD Bildungsbericht 2011, in der letzten Woche veröffentlicht, stellt fest, dass Deutschland nicht genug Geld für Bildung ausgibt und deutlich unter dem Schnitt anderer Industrie-Nationen liegt. Platz 30 unter 36 Industrie-Nationen, das ist eine deutliche Sprache. Asiatische Nationen, vor allem Südkorea und China, machen Deutschland vor, wie es geht. Einen großen Teil seiner Forschungsausgaben investiert China übrigens in die Pflanzen- und Agrarwissenschaften.

Bildung, dazu gehören auch Investitionen in Forschung und Lehre. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft schätzt sich glücklich, für die neue, zweite Phase der Exzellenzinitiative 2010 bis 2017 über 2,7 Milliarden Euro verfügen zu können. Eine Summe, deren Höhe sich unter der Last zerrütteter Finanzen, wie es Humboldt formulieren würde, und angesichts der aktuell diskutierten Zahlen für z. B. Bankenrettungen oder Euro-Rettungsschirme relativiert werden kann. Gleichwohl, die Humboldt Universität ist, zusammen mit sechs weiteren Universitäten, unter anderem meine Heimat-Universität Köln, in der Endrunde für die Auswahl zur Eliteuniversität. Die FU Berlin gehört ja bereits mit ihrem Zukunftskonzept zu den Eliteuniversitäten. Bei den beiden anderen Förderlinien, den Graduiertenschulen und den Exzellenzclustern sind, unter maßgeblicher Beteiligung der Pflanzenwissenschaft, die Graduiertenschule „Funktion aus Form“ aus Halle, die Münsteraner „Graduate School of Evolution“ und CEPLAS, das Köln-Düsseldorfer „Cluster of Excellence on Plant Sciences“ im Rennen. Über alle Anträge wird im Juni 2012 endgültig entschieden. Wir wünschen allen Antragstellern viel Erfolg, der sicherlich auch eine positive Ausstrahlung auf die Sichtbarkeit der Pflanzenwissenschaften in Deutschland hätte.

Wissenschaft soll vor allen Dingen Spaß machen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und uns allen hier in Berlin eine anregende, aufregende und erfolgreiche Tagung.

Grussworte des Präsidenten der Gesellschaft, Professor Dr. Ulf-Ingo Flügge, Universität zu Köln, zur Eröffnung der Botanikertagung in Berlin (am 20. September 2011)


Der Präsident, Professor Dr. Ulf-Ingo Flügge, eröffnete die Botanikertagung. Foto: Dr. Michael Riefler, FU