31. Januar 2014 · Actualia · DBG

Vier Thesen zur Abschaffung des Faches Biologie in Baden-Württemberg

Die Landesregierung in Baden-Württemberg plant, die Fächer Biologie, Chemie und Physik als eigenständige Unterrichtsfächer in den 5. und 6. Klassen abzuschaffen und durch ein Fach „Naturphänomene und Technik“ zu ersetzen. Die DBG präsentiert vier Thesen, warum das Fach Biologie als eigenständige Disziplin für die Ausbildung der Schülerinnen und Schüler notwendig ist.

Viele der 850 Mitglieder der Deutschen Botanischen Gesellschaft e.V. sind besorgt über den Plan der Landesregierung Baden-Württembergs, die Fachdisziplinen Biologie, Chemie und Physik als eigenständige Unterrichtsfächer durch einen integrierten Unterricht „Naturphänomene und Technik“ in der Orientierungsstufe zu ersetzen. Hierzu wollen wir einen Diskussionsbeitrag leisten. Als wissenschaftliche Gesellschaft, die die Pflanzenforschung mit all ihren Facetten von der Ökologie, über die Vegetationskunde, Systematik, Physiologie, Genetik, Biochemie bis hin zur Molekularbiologie in Deutschland vertritt, beschreiben wir unsere Sichtweise aus dem Blickwinkel der Biologie. Wir bündeln sie zu vier Thesen, die belegen, welche Vorteile es hat, die bisherigen Fachdisziplinen beizubehalten.

These 1

Integrierter naturwissenschaftlicher Unterricht vermittelt die Oberfläche eines unscharf definierten Themengebiets nahezu unendlicher Breite. Faszination entsteht aber nur durch das Begreifen der Vorgänge durch exaktes und strukturiertes Fachwissen. Ein integriertes Fach hätte nur dann seine Berechtigung, wenn der fächerübergreifende Erkenntnisgewinn stärker als der Erkenntnisgewinn fachimmanenter Grundprinzipien wäre. Dies ist auszuschließen. Das Fach Biologie ist weitgehend scharf definiert. Selbstverständlich ist uns bewusst, dass Wissensfortschritt oft interdisziplinär erfolgt. Er basiert aber trotzdem auf fundiertem fachlichem Wissen in der einzelnen Disziplin und im Austausch mit den Fachleuten der anderen Disziplin. Die Basis für das nötige naturwissenschaftliche Verständnis wird in der Orientierungsstufe gelegt und droht mit einer Unschärfe der Fächer gar nicht erst zu entstehen bzw. schon vorhandenes Wissen zu erodieren.

These 2

Mitreißende Inhaltsvermittlung basiert auf fundiertem Fachwissen, klugen didaktischen Konzepten und dem Engagement der Lehrkräfte. Der glückliche Fall, dass sich ein Lehrender in den Fächern Biologie, Chemie und Physik (und Technik) gleichermaßen zuhause fühlt, ist rare Ausnahme. Es besteht die Gefahr, dass neugierige Schülerfragen nach einer solchen Reform nur aus dem Blickwinkel des Ausbildungsfaches des Lehrenden mit hinreichender Kompetenz beantwortet werden. Das Wecken von Interesse hängt aber von ausgewogener Wissensvermittlung ab. Der motivierende und kompetente Lehrende legt die Basis für eine Orientierung zu den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT). Ohne eine fachliche Klarheit entstehen gerade in der Orientierungsstufe nur mühsam zu reparierende, möglicherweise irreparable Defizite in der fachspezifischen Verstehenskultur und Ordnungsstruktur. Keineswegs darf das Fach Biologie mangels MINT-kompetenter Lehrender in den Bereich Gesellschaftswissenschaft abdriften oder bei den Gesellschaftswissenschaften verortet werden, denn diese arbeiten mit völlig anderen Fragestellungen, Methoden und Konzepten.

These 3

Empfehlungen zu optimalen Fächerkombinationen bei angehenden Lehramtsstudierenden könnten helfen, die Neigung der Schüler zur Orientierung in Richtung MINT zu unterstützen. Gerade in der Orientierungsstufe agieren die Lehrenden als gelebte Vorbilder für bewundernswertes Wissensniveau und anzustrebendes Verhalten. Naturwissenschaftliche Interdisziplinarität könnte vor allem dann vermittelt werden, wenn die Fächerkombinationen Biologie und Chemie, sowie Biologie und Physik als Kernfächer des naturwissenschaftlichen Lehramtsstudiums häufiger realisiert würden. Derartig ausgebildete Lehrende verbinden naturwissenschaftliche Teilgebiete und erhöhen so die Motivation der Auszubildenden, interdisziplinär zu denken.

These 4

Die Lebenswissenschaften sind wichtig, da sie zur Lösung mehrerer aktueller Herausforderungen beitragen. Schülerinnen und Schülern müssen nicht nur die Grundprinzipien lebender Systeme sondern auch die zentrale Bedeutung einer intakten Umwelt, einer optimalen aktiven Gesundheitsvorsorge, einer fürsorgenden Medizin, einer ressourcenschonenden Land- und Forstwirtschaft, einer nachhaltigen Lebensmittel- und Bioenergiegewinnung und einer ethikverträglichen Biotechnologie vermittelt werden. Die Basis für diese Erkenntnisse muss Schülerinnen und Schüler im Fach Biologie auch in der Orientierungsstufe vermittelt werden, damit sie sich überhaupt an der Debatte beteiligen können.

Fazit

In der Sorge, dass eine wohlgemeinte Reform schwer behebbare fachliche Desorientierung verursacht, die dem eigentlichen Ziel – die MINT-Fächer zu stärken – aber zuwider läuft, appellieren wir an Sie: Bitte verzichten Sie auf die angedachte Reform und behalten Sie die bewährte Fächerung der Naturwissenschaften bei.

Gez. der geschäftsführende Vorstand der DBG: Prof. Dr. Karl-Josef Dietz (Präsident), PD Dr. Klaus-Jürgen Appenroth (Schatzmeister), Prof. Dr. Volker Wissemann (Generalsekretär), Dr. Thomas Janßen (Schriftführer)
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Diese Stellungnahme schickte die DBG in einem Brief an den baden-württembergischen Ministerpräsident, Winfried Kretschmann, und den Kultusminister, Andreas Stoch