16. November 2018 · Actualia · Tagungsbericht

Tagung der Sektion für Biodiversität und Evolutionsbiologie

Insgesamt 134 Forscherinnen und Forscher aus sechs Nationen (Österreich, Deutschland, Italien, Albanien, Serbien, Spanien) waren im September in Klagenfurt am österreichischen Wörthersee zur gemeinsamen Tagung in der pädagogischen Hochschule Kärnten (Viktor Frankl Hochschule) zusammen gekommen, um sich über die jüngsten Forschungsergebnisse auszutauschen. Vom 19. – 22. September 2018 behandelten sie die Vielfalt der botanischen Biodiversitäts- und Evolutionsforschung in 50 Vorträgen und 29 Poster-Präsentationen. Thematisiert wurden sowohl grundlagenwissenschaftliche als auch angewandte Forschungsrichtungen. Veranstaltet wurde die 24. Tagung der Sektion Biodiversität und Evolutionsbiologie dieses Mal gemeinsam mit der 18. österreichischen Botanik-Tagung. Die stellvertretende Sprecherin der Sektion, Professorin Dr. Alexandra Müllner-Riehl, stellt Themen und Schwerpunkte des wissenschaftlichen Programms vor und berichtet von den Herausforderungen aktueller Forschungsansätze.

Wie Blütenstände entstanden

Nach dem ersten Tag, der im Zeichen des Austausches der österreichischen Sammlungsverantwortlichen stand (Herbarien, Botanischen Gärten), folgten am zweiten Tag die wissenschaftlichen Vorträge zu diversen Themenbereichen. Eröffnet wurde das wissenschaftliche Programm mit einem sehr schönen Vortrag von Professorin Regine Classen-Bockhoff zum Thema Evolution von Blütenständen (siehe unten).

Vielfalt der Themen

Die nachfolgenden Vorträge dieses zweiten Tages beleuchteten zunächst u.a. die Themen Evolution auf Art- bzw. Populationsebene (Phylogeografie, retikulate Evolution) sowie in der Parallelsession u.a. Schutz und Management von Gebirgspflanzen im Zeichen des globalen Klimawandels. Der Nachmittag des zweiten Tages stand u.a. im Zeichen der wissenschaftlichen Untersuchungsfortschritte zu ausgewählten Pflanzengruppen (Moose, Flechten, Armleuchteralgen), parallel dazu wurde in mehreren Vorträgen über neue Methoden und deren Anwendung in der pflanzlichen Evolutionsforschung berichtet (Genotypisierung von Mikrosatelliten, repetitive DNA bei Allopolyploiden, neue Software zur Einreichung großer DNA-Datensätze in Gen-Datenbanken, Erfolge, Herausforderungen und daraus abgeleitete Vorgangsweisen beim DNA-Barcoding von Angiospermen). Die zweite Nachmittagssession widmete sich schließlich der historischen Biogeografie sowie der Phylogeografie von tropischen Verwandtschaftslinien.

Der Abschluss des Tages wurde mit einem Abendempfang samt kulinarisch reichhaltigem Buffet im wunderschönen Ambiente des Stadtgarten-Glashauses gekrönt. Führungen durch das Glashaus und ein musikalisches Angebot, bei dem auch das Tanzbein geschwungen werden konnte, rundeten das gelungene Abendangebot ab. Der sehr gut organisierte Abendempfang bot damit einen idealen Rahmen zum ungezwungenen Austausch sowie der weiteren Vernetzung zwischen bereits etablierten Fachkolleginnen und -kollegen und den zahlreich vertretenen Nachwuchskräften.

Pflanzensippen, Polyploidisierung und Themen-Potpourri

Der dritte Tag stand vormittags im Zeichen der Erforschung ausgewählter Pflanzensippen bzw. Regionen, wobei u.a. die Themen Neophyten und Managementmaßnahmen sowie in der Parallelsession Polyploidisierung und Evolution im Vordergrund standen. Die zweite Vormittagssession bestand aus einem Potpourri verschiedener Themen mit Fokus auf die Wirkung des Menschen auf die Natur bzw. Auswirkungen von Umweltveränderungen auf den Menschen. Thematisiert wurden Vegetationsveränderungen aufgrund von Klima- und Landnutzungsdruck bis über klimatisch bedingte Veränderungen des Pollenfluges mit den Auswirkungen auf Pollenallergien, hin zu interessanten Einblicken in das Leben und Wirken von Nikolaus Joseph Jacquin. Der Nachmittag widmete sich in Parallelsessions einerseits ausgewählten Pflanzenmerkmalen (z.B. Evolution von Photosynthesetypen, reproduktionsbiologische Merkmale) und andererseits verschiedenen angewandten Biodiversitätsthemen (Freilandbotanik-Zertifikat, Rolle von botanischen Gärten in der Arterhaltung, Biodiversitätsatlas Österreich, Biodiversitätsdaten). Die finale Nachmittagssession stand v.a. im Zeichen floristischer sowie vegetationskundlicher Projekte.

Der vierte und letzte Tag bot die Möglichkeit zur Teilnahme an einer der angebotenen Exkursionen. Sehr erfreulich war hier aus Sicht der Organisatoren die hohe Teilnahme an den drei durchgeführten Exkursionen, zumal an diesem Tag nicht unbedingt Exkursionswetter herrschte und im Herbst nicht mehr so viel blüht.

Aktuell im Forschungsfokus

Aufgrund der dargebotenen Vielfalt an interessanten Themen kann eine Auswahl an Highlights sicherlich nur stichprobenartig und subjektiv erfolgen. Unbestritten jedoch in besonders guter Erinnerung geblieben ist der exzellente Eröffnungsvortrag von Frau Prof. Regine Classen-Bockhoff (Universität Mainz), der sich mit der Entwicklung von Pseudanthien aus „Floral Unit Meristems“ (FUM) beschäftigte, also nicht der gängigen Annahme der Entwicklung aus „Inflorescence Meristems“ (IM). Hier ist zu erwarten, dass zukünftige Studien bald neue und spannende Erkenntnisse zur Diversifikation und Evolution von blütenähnlichen Infloreszenzen liefern werden.

Auswirkungen des Klimawandels auf „wandernde“ Arten

In der Diskussion zu Vorträgen (z.B. Patrick Schwager, Karl-Franzens-Universität Graz) über die Auswirkung des Klimawandels auf die Alpen-Flora kam u.a. zur Sprache, dass derzeit viel Augenmerk auf die Zunahme der Artenzahl in höheren Bergregionen gelegt wird, aber bis dato nicht hinreichend untersucht wird, wie sich die unteren Verbreitungsgrenzen verschieben (d.h. verschwinden Arten, die hochwandern, dafür aus den unteren Höhenstufen?).

Biodiversitätsverlust und Rettungsstrategien

Im Bereich Seed Banking und ex situ-Arterhaltung (Vortrag Dr. Christian Berg, Karl-Franzens-Universität Graz) wurde thematisiert, dass es sinnvoll ist, dass kleine Institutionen mit größeren Institutionen (z.B. Millenium Seed Bank) zusammen arbeiten. Gleichzeitig aber wurde aufgezeigt, dass die Rettungsversuche für viele gefährdete Arten schon zu spät kommen (zu wenige Individuen für noch erfolgreiche Samenkeimung vorhanden).

Datenvielfalt und Datenverarbeitung

Bezüglich der Zunahme der Menge an DNA-Daten, u.a. durch High-Throughout-Sequenzierverfahren, wurde thematisiert (Vortrag Dr. Michael Grünstäudl, Freie Universität Berlin), dass sich die von Gen-Datenbanken zur Verfügung gestellten Tools zum Hochladen von Daten nicht in gleichem Maße weiterentwickelt haben wie die Daten selbst. Dem soll mit derzeit extern neu entwickelten Programmen abgeholfen werden, die zudem die Daten auch leichter für andere (angewandte) Anwendungen nutzbar machen sollen (siehe auch nächster Punkt).

Zusammenwirken für den Biodiversitätserhalt

Zur Vernetzung von Universitäten und Forschungseinrichtungen, sowie von Politik, Verwaltung und NGOs zur Stärkung von Synergien und von inter- und transdisziplinären Forschungsaktivitäten im Bereich Biodiversität und deren (ökonomischen) Wert für die Gesellschaft soll der „Biodiversity Atlas Austria“ (Vortrag: Tanja Lumetsberger und Dr. Andrea Höltl, Donau-Universität Krems) nach dem Vorbild des „Atlas of Living Australia“ beitragen. Eine gemeinsame Datenbank und in der Folge eine adäquate Aufbereitung von Daten und Forschungsergebnissen sollen diese Vorhaben maßgeblich unterstützen sowie eine verstärkte Bewusstseinsbildung von relevanten Stakeholdern, wie Verwaltung, Unternehmen oder der Bevölkerung ermöglichen.

Sitzung der Sektion und Neuwahl der Vorstandsmitglieder

Auf dieser Sitzung, die am 21.9.2018 im Rahmen der Tagung stattfand, wurde turnusgemäß ein neuer Sektionsvorstand gewählt. Professor Dr. Dirk Albach (Universität Oldenburg; 1. Sprecher der Sektion) sowie Professorin Dr. Alexandra Müllner-Riehl (Universität Leipzig; stellvertretende Sektionssprecherin) wurden in ihren Ämtern bestätigt. Dr. Natalia Tkach (Universität Halle/Saale) wurde als zweite stellvertretende Sektionssprecherin gewählt und ersetzt damit den vor wenigen Monaten verstorbenen Kollegen Professor Dr. Jochen Heinrichs (vormals Ludwig-Maximilians-Universität München).

Weitere nennenswerte Punkte und Fazit

Aus Sicht der österreichischen sowie der deutschen Organisatorinnen und Organisatoren war es sehr erfreulich, dass die Tagung gemeinsam durchgeführt wurde. In Klagenfurt gibt es keine universitäre Ausbildung in Botanik und somit keine Studierenden "vor Ort". Vor diesem Hintergrund waren doch sehr viele junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler anwesend, die ihre Arbeiten vorgestellten. Aufgefallen war die relativ geringe Anzahl an Postern, dafür ungewöhnlich hoch die Anzahl an Vorträgen in englischer Sprache. Offensichtlich hatten speziell auch Nachwuchskräfte diese Tagung als Plattform genutzt, um publikumswirksam vorzutragen anstatt Poster zu präsentieren.

Die hervorragende Organisation vor Ort wurde vor allem von Mitgliedern des Naturwissenschaftlichen Vereins für Kärnten sowie dem Kärntner Botanikzentrum des Landesmuseums für Kärnten getragen, darunter Herr Dr. Roland Eberwein, Herr Dr. Helmut Zwander, Frau BSc Stefanie Planton, Mag. Felix Schlatti und ihre Teams. Zu den Partnern und Förderern gehörten die Pädagogische Hochschule Kärnten sowie die Stadt Klagenfurt am Wörthersee, welche die Durchführung der Tagung durch ihre Unterstützung ermöglichten. Ihnen allen gebührt unser herzlichster Dank!

Die nächste Tagung der Sektion Biodiversität und Evolutionsbiologie im Jahr 2020 wird von Professor Dr. Volker Wissemann an der Universität Gießen organisiert (16.-19.9.2020).

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Leipzig, im November 2018
Prof. Dr. Alexandra Müllner-Riehl (Universität Leipzig und Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung, iDiv)


Gemeinsame Tagung der Sektion Biodiversität und Evolutionsbiologie mit der Österreichischen Botanik-Tagung in Klagenfurt. Im Bild: Vortrag von Dr. Helmut Zwander. Foto: Roland K. Eberwein
Die Teilansicht des Tagungsband-Covers zeigt (v.l.n.r.) eine Gelbe Azalee (Rhododendron luteum, Foto: Felix Schlatti), eine Krainer Lilie (Lilium carniolicum, Foto: Roland K. Eberwein) und eine Federige Flockenblume (Centaurea nervosa, Foto: Felix Schlatti).