22. Juni 2016

Nachruf: Professor Gerhard Richter (1929-2015)

Den "großen" und den "kleinen Richter" studierten zahlreiche Biologengenerationen in den Disziplinen Biochemie und Stoffwechselphysiologie der Pflanzen, weil Gerhard Richter die Gabe besaß auch komplizierte Vorgänge anschaulich zu schildern. Aus dem Labor des ehemaligen Direktors des Instituts für Botanik der Universität Hannover gingen mehrere Professorinnen und Professoren hervor und seine große Doktorandenschar chauffierte er gerne selbst zu Konferenzen und Exkursionen.

Ein Nachruf von Prof.in Dr. Dorothea Bartels, Prof.in Dr. Vera Hemleben, Prof. Dr. Ralf Kaldenhoff und Prof. Dr. Gerhard Link

Am 3. Dezember 2015 - kurz vor Vollendung seines 86. Lebensjahres - verstarb der im In- und Ausland hoch angesehene Forscher und Hochschullehrer Professor em. Dr. Gerhard Richter, langjähriger Lehrstuhlinhaber und Direktor des Instituts für Botanik der Universität Hannover. Das wissenschaftliche Hauptinteresse von Richter galt der Pflanzenbiochemie und  physiologie, doch reichte sein breites Fachwissen weit darüber hinaus von der Chemie über die Medizin bis hin zur Molekularbiologie und Biotechnologie. Dies macht u.a. seine Funktion als Mitglied der Medizinischen Hochschule Hannover deutlich, in welcher er einen in Deutschland erstmaligen Modellstudiengang Biochemie mit initiierte. Der Pflanzenwissenschaftler war über viele Jahre aktiv in der akademischen Selbstverwaltung, von 1991-1993 leitete er als Dekan die Biologie.

Gerhard Richter war aktives Mitglied der Deutschen Botanischen Gesellschaft und weiterer biologischer Fachgesellschaften. Er hat Forschung und akademische Lehre seines Fachgebietes maßgeblich mitgestaltet und den Wissenschaftsaustausch national und international vorangebracht.

Das große“ und das „kleine“ Buch

Eine wesentliche Säule seines wissenschaftlichen Werkes bestand in seiner langjährigen Tätigkeit als Lehrbuchautor: Den „großen“ (Biochemie der Pflanzen) ebenso wie den „kleinen“ Richter (Stoffwechselphysiologie der Pflanzen) haben Generationen von Biologie-Studierenden – einschließlich deren Dozenten – in zahlreichen aktualisierten Auflagen kennen- und schätzen gelernt. In späteren Jahren kamen nicht nur mehrere fremdsprachliche Übersetzungen (englisch, französisch, polnisch und spanisch) hinzu, sondern es folgte auch noch ein weiteres ambitioniertes Fachbuch (Praktische Biochemie). Erst vor wenigen Jahren schließlich publizierte Richter auch einen Kriminalroman (Toxikum), ein überraschendes und hintergründiges Werk, das im Umfeld eines botanischen Instituts spielt.
Über den Büchern sei jedoch nicht vergessen, dass die bei Gerhard Richter sichtbare Symbiose von Fähigkeit und Freude am Schreiben von Anfang an und über Jahrzehnte hinweg zu einer eindrucksvollen Liste von Veröffentlichungen in renommierten Fachzeitschriften führte. Die Themen entstammen zentralen Bereichen der pflanzlichen Molekular-, Zell- und Entwicklungsbiologie, wie etwa Mechanismen und Regulation der Genexpression bei der Zelldifferenzierung in Algen und Pflanzen. Eine Fragestellung, welcher erkennbar sein besonderes Interesse während der gesamten aktiven Zeit galt, war die Steuerung dieser Prozesse durch (Blau-)Licht. Für die erfolgreiche Klärung hatte er alle Kompetenz im Hause selbst, etablierte darüber hinaus jedoch auch intensive nationale und internationale Kooperationen.

Lehr- und Wanderjahre

Am 7. Dezember 1929 in Fritzlar geboren, studierte Gerhard Richter von 1949 bis 1954 an der Universität Marburg/Lahn die Fächer Biologie, Chemie und Physiologische Chemie und promovierte dort 1956 zum Dr. phil. bei Professor Andre Pirson [Link ehemalige Ehrenmitglieder]. Seine Lehr- und Wanderjahre 1957-1960 führten ihn u.a. nach Wilhelmshaven (Professor Joachim Hämmerling, MPI f. Zellbiologie), Brüssel, Chicago und Pasadena, CA, USA (Professor James F. Bonner). Erste Station nach seiner Rückkehr nach Deutschland war die Universität Tübingen: 1961 Assistent, 1962 Dozent, 1968 Apl. Professor am Botanischen Institut (Leitung: Professor Erwin Bünning [Link ehemalige Ehrenmitglieder]). Kurz darauf folgte Richter 1969 einem Ruf an die Technische Universität Hannover als Lehrstuhlinhaber und Direktor des dortigen Instituts für Botanik sowie als Mitglied der Medizinischen Hochschule Hannover. In diesen Funktionen wirkte er dort bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1998.

Grundlegende Arbeiten zur Molekularbiologie

Als Dozent in Tübingen konnte Richter 1962 eines der ersten für molekulare pflanzliche Forschungen ausgestatteten Labors in Deutschland einrichten; hier entstanden u.a. die ersten Doktorarbeiten zum Nukleinsäure-Stoffwechsel und dessen zentraler Enzyme bei Algen und Zellkulturen höherer Pflanzen. Die damals ganz neuen Erkenntnisse der Molekularbiologie mit dem zentralen Dogma „DNS macht RNS macht Protein“ waren größtenteils an Bakterien und tierischen Zellen erhalten worden. Umso bemerkenswerter ist in der Rückschau der Impetus, mit welchem seine Tübinger Arbeitsgruppe zielstrebig die Forschung an pflanzlichen Objekten vorantrieb und damit half, einen Grundstein zur Molekularbiologie der Pflanzen zu legen. Die damaligen ersten Doktorand/innen und akademischen Miterbeiter/innen erhielten alle Professuren an Universitäten oder Forschungsinstituten. Wie schon erwähnt, schrieb Professor Richter in seiner Tübinger Zeit in unermüdlicher, oft halbe Nächte langer Aktivität auch das erste Buch zur „Stoffwechselphysiologie der Pflanzen“, das 1969 wie schon das Lehrbuch „Allgemeine Botanik“ von Professor Wilhelm Nultsch [Link Nachruf] in der blauen Reihe im Thieme-Verlag erschien. Beide Bücher ergänzten sich in idealer Weise und standen nun den Studierenden der Biologie gemeinsam als grundlegende Wissensquelle zur Verfügung.
Die Berufung von Professor Richter nach Hannover war aus Sicht der dortigen Studierenden mit Interesse und Gespür für die „neue“ (molekular und zellulär orientierte) Biologie ein wahrer Glücksfall. Pflanzliche Zellkulturen, isolierte Zellorganellen und deren biochemische Leistungen (Photosynthese, CO2-Fixierung, Atmung; methodisch: Enzyme und Pigmente) standen jetzt in den Praktika und Examensarbeiten weit oben auf der To-do-Liste. Protein- und Nucleinsäure-Untersuchungen wurden technisch immer besser möglich und bildeten bald zentrale Bestandteile vieler molekularphysiologischer Arbeiten.

Im Labor und bei Exkursionen: flache Hierarchien

In der Retrospektive erwähnenswert sind die Arbeitsbedingungen: Nach einer anfangs etwas archaisch wirkenden Unterbringung im alten Institut in Hannover stand seit Anfang der 1970er Jahre ein sehr respektabler Instituts-Neubau zur Verfügung. Im Labor herrschte eine familiäre und offene Atmosphäre. Es war durchaus nicht ungewöhnlich, dass der Doktorand Kilogramm-Mengen an Pflanzenzellen erntete und für weitere Untersuchungen extrahierte, während nebenan „der Chef“ sich auf einen empfindlichen Enzymtest konzentrierte. Diese „flache Hierarchie“ beim täglichen wissenschaftlichen Experimentieren fand ihre Entsprechung auch anderswo: Zu den angenehmen Unterbrechungen des Laboralltags zählten die Exkursionen zu Forschungsinstituten außerhalb Hannovers (z.B. MPIs Wilhelmshaven, Göttingen). Meist ließ es sich Richter nicht nehmen, sich selbst ans Lenkrad seines Wagens zu setzen und die Doktorand/innen-Schar sicher ans Ziel zu steuern.
Viele, die Gerhard Richter kannten, werden sich an diese oder ähnliche Eindrücke erinnern und mit uns übereinstimmen: Wir haben einen großen Lehrer, Mentor und Kollegen verloren, und wir werden sein Andenken stets in Ehren halten.

Prof. Dr. Dorothea Bartels, Institut für Molekulare Physiologie und Biotechnologie der Pflanzen (IMBIO) Universität Bonn

Prof. Dr. Vera Hemleben, Lehrstuhl für Allgemeine Genetik, Zentrum für Molekularbiologie der Pflanzen (ZMBP), Eberhard Karls Universität Tübingen

Prof. Dr. Ralf Kaldenhoff, Applied Plant Sciences, Technische Universität Darmstadt

Prof. Dr. Gerhard Link, Fakulaet fuer Biologie und Biotechnologie der Ruhr-Universität Bochum


Prof. Dr. Gerhard Richter. Foto: Eva Richter