04. Juli 2019 · Sektionen

Nachruf: Professor Dr. Reinhard Lieberei (1948 - 2019)

Als international renommierter Wissenschaftler war Reinhard Lieberei stets in vorderster Front an unzähligen Forschungsprojekten der Angewandten Botanik beteiligt. Für die meisten Mitglieder der Deutschen Botanischen Gesellschaft ist die Forschung an tropischen Nutzpflanzen unverrückbar mit dem Namen Reinhard Lieberei verbunden. Ob es um die Optimierung der Kakaofermentation ging, die Bekämpfung von Krankheiten des Kautschukbaumes oder die Etablierung nachhaltiger Anbaumethoden in Südamerika - Lieberei prägte durch seine Innovation und Begeisterung viele Forschungsprojekte zu tropischen Nutzpflanzen. Sein beeindruckendes Wissen über diese angewandten Forschungsfelder ist in sein Lehrbuch „Nutzpflanzen“ eingeflossen, das er gemeinsam mit Christoph Reisdorff erstellt hat, einem seiner vielen wissenschaftlichen Schüler. Prof. Dr. Dirk Selmar schildert in seinem Nachruf auch Liebereis Engagement in der Vereinigung für Angewandte Botanik und in der Sektion für Angewandte Botanik in der DBG.

Lieberei, der am 4. Juli 1948 in Seefeld in der Wesermarsch geboren wurde, studierte Biologie an der damaligen Technischen Hochschule in Braunschweig. Für seine Promotion schloss er sich der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Böle Biehl an und untersuchte das Aktivierungsverhalten chloroplastidärer Polyphenoloxidasen. Um sich für seine Habilitation ein eigenständiges Forschungsgebiet zu erarbeiten, widmete er sich der Phytopathologie und der biochemischen Ökologie. Zunächst konzentrierten sich Liebereis Forschungen auf verschiedene Krankheiten des Kautschukbaums Hevea brasiliensis. Dabei konnte er zeigen, dass die verletzungsbedingt freigesetzte Blausäure, die den Baum gegen potentielle Fraßfeinde schützt, bei pilzlichen Infektionen eine gegenteilige Wirkung hat: die freigesetzte Blausäure hemmt die Biosynthese der Phytoalexine, so dass stark cyanogene Kautschukbäume wesentlich anfälliger gegen Pilzbefall sind. Teile dieses Forschungsprojekts hat Lieberei direkt vor Ort im brasilianischen Regenwald in Manaus durchgeführt. Die Erfahrungen dieses erfolgreichen und sehr spannenden Forschungsaufenthaltes haben seine Liebe für die Tropen geweckt, die er stets aufrecht erhielt.

Zurück in Deutschland, erhielt er 1984 von der Naturwissenschaftlichen Fakultät der TU Braunschweig die venia legendi für Botanik und erhielt Vorort eine Anstellung als Hochschuldozent. 1989 nahm er den Ruf auf Professur für Angewandte Botanik der Universität Hamburg an, eine Position, die er bis zu seiner Pensionierung 2013 innehielt. Neben seiner erfolgreichen Forschung engagierte sich Lieberei sehr stark in der akademischen Selbstverwaltung, so war er unter anderem als Institutsleiter, als Fachbereichs- oder als Fakultätsdekan tätig.

Erkenntnisse auch heute noch in der Praxis genutzt

In Hamburg hat Lieberei sein Forschungsgebiet stark erweitert und sich neuen Themen zugewandt. Ein Schwerpunkt lag zunächst auf der Erforschung physiologischer und biochemischer Grundlagen der pflanzlichen Zell- und Organ-Kultur. Darüber hinaus hat er sich mit ökologischen und ökonomischen Aspekten der nachhaltigen Kultur wichtiger tropischer Nutzpflanzen befasst. Besonders die Optimierung und Kontrolle der Produktion von hochwertigen Rohkakaos standen im Fokus seines Interesses. In diesem Kontext hat er die Arbeiten zur Aufklärung der physiologischen und biochemischen Grundlagen der Kakaofermentation seines Mentors Prof. Böle Biehl sehr erfolgreich weitergeführt. Die Ergebnisse dieser Arbeiten haben – neben ihren grundlagenwissenschaftlichen Aspekten – eine sehr große Anwendungsrelevanz und tragen in den Plantagen noch immer zur Optimierung der Kakaofermentation bei.

Begeisterter Lehrender

Lieberei repräsentierte wie kaum ein anderer den Archetypus eines “Angewandten Botanikers”. Mit seinem enormen Wissen und seinem großen Enthusiasmus hat er viele Studierende motiviert, sich wissenschaftlich in der angewandten Pflanzenbiologie zu betätigen. Es war ihm stets ein Anliegen, sein Wissen und seine Erfahrungen weiter zu geben. Nicht zuletzt deshalb war er ein sehr erfolgreicher akademischer Lehrer und Mentor, eine Tatsache, die sich leicht durch die große Anzahl der Wissenschaftler belegen lässt, die von ihm ausgebildet, unterrichtet und von seiner Wissenschaftsphilosophie geprägt wurden.

Vereinigung für Angewandte Botanik (VAB)

Über seine Verdienste als Wissenschaftler und Mentor hinaus hat sich Lieberei auch stets für die wissenschaftliche Community eingesetzt und sie durch sein Engagement unterstützt. Bereits früh in seiner Karriere war er Vorsitzender des Arbeitskreises “Wirt-Pathogen-Wechselwirkung“ der Deutsche Phytomedizinischen Gesellschaft. Von 1996 bis 2005 war er Präsident der Vereinigung für Angewandte Botanik (VAB). Er unterstützte später das Zusammengehen der VAB und der Deutschen Botanischen Gesellschaft (DBG) im Jahr 2016 und engagierte sich in der Sektion für Angewandte Botanik der DBG. In seiner Amtszeit hat er große Anstrengungen unternommen, die Vereinigung zu modernisieren. Von 2008 bis 2013 fungierte Lieberei als Editor-in-chief für die Zeitschrift der Vereinigung, dem Journal of Applied Botany.

Internationale Kooperationen

Aufgrund seines reichhaltigen Erfahrungsschatzes in den Tropen und seines fundierten pflanzenbiologischen Wissens wurde er zum wissenschaftlichen Koordinator des SHIFT Programms (Studies on Human Impact on Forests and Floodplains in the Tropics) benannt, einem umfassenden Förderprogramms des BMBF. Für sechs Jahre (1996 – 2003) war Lieberei verantwortlich für die Koordination und Steuerung zahlreicher deutsch-brasilianischer Kooperationsprojekte zur Förderung nachhaltiger Land- und Forstwirtschaft in Brasilien. Seine umfassende Kompetenz und hohe Reputation machten ihn zu einem wichtigen Partner und effizienten Koordinator für weitere, vielfach multilaterale Forschungsprojekte (z.B. ECOMAN - ECOsystem MANagement in Atlantic Rain Forest Rural Areas).

Traum nach Pensionierung erfüllt

Nach seiner Pensionierung war Lieberei weiterhin im Bereich der Angewandten Botanik wissenschaftlich aktiv. Im Oktober 2018 erfüllte er sich einen lange gehegten Traum und eröffnete sein Museum für Nutzpflanzen in Gorleben. Obgleich das wissenschaftliche Werk von Lieberei vor allem den Bereich der Angewandten Botanik betrifft, so gaben seine interdisziplinären Forschungen im Spannungsfeld von Pflanzenphysiologie, Biochemie und Ökologie auch viele Impulse für die Grundlagenwissenschaft. Die Basis hierfür waren zweifelsohne seine umfassenden Kenntnisse in allen Bereichen der Pflanzenbiologie und seiner enorme wissenschaftliche Erfahrung.

Am 5. März 2019 verstarb Professor Reinhard Lieberei im Alter von 70 Jahren in Gorleben. Mit ihm haben wir nicht nur einen der führenden Wissenschaftler der Angewandten Botanik verloren, sondern auch einen der letzten und seltenen Universalgelehrten der modernen Pflanzenbiologie.

---
Dirk Selmar, Institut für Pflanzenbiologie, TU Braunschweig
im Juni 2019


Prof. Dr. Reinhard Lieberei. Foto: privat.