08. Juli 2019 · Actualia

Nachruf: Professor Dr. Hans-Walter Heldt (1934- 2019)

Der Pflanzenbiochemiker hat in über 250 Publikationen die Welt der pflanzlichen Stoff- und Membran-Transporter sowie die involvierten biochemischen Vorgänge aufgeklärt. Dazu betrat der Lehrstuhl-Inhaber an der Georg-August-Universität Göttingen immer wieder methodisches Neuland, erhielt dafür international bedeutende Auszeichnungen und stellte die Wissenschaft und seine Menschenfreundlichkeit über vorherrschende Anschauungen. Zahlreiche Professorinnen und Professoren gingen aus seinem Institut hervor, wie seine Schülerin, Professorin Dr. Birgit Piechulla (Uni Rostock) in ihrem Nachruf berichtet. Der Inhaber des Göttinger Lehrstuhls Biochemie der Pflanze und dortiger Institutsbegründer Hans-Walter Heldt verstarb unerwartet am 18. Mai 2019 im Alter von 85 Jahren. Er ist/war einer der führenden Pflanzenbiochemiker weltweit, sein besonderes Forschungsinteresse galt Transportprozessen innerhalb der Pflanze.

Zunächst studierte er in Innsbruck und Marburg Diplom-Chemie (1954-1961). Nach seiner Promotion (1962) verblieb er in der Arbeitsgruppe von Prof. Martin Klingenberg in Marburg und zog 1968 mit seinem Mentor nach München, um dort u.a. den ATP/ADP-Transporter von Leber-Mitochondrien weiter zu untersuchen, ehe er sich voll und ganz Stofftransporten bei Pflanzen widmete. 1968 wurden die ersten Versuche an Chloroplasten in Marburg mit Heinrich Strotmann durchgeführt und diese Forschungsrichtung baute er zunächst in München und dann an seinem Lehrstuhl in Göttingen (seit 1978) immer weiter aus.

In seinen 253 Publikationen (1962- 2008) hat er bahnbrechende Erkenntnisse auf diesem Forschungsgebiet beschrieben, u.a. identifizierte und charakterisierte er die Phosphat-Phosphat-, Triose-Phosphat-, Hexose- und Pentose-Translokatoren, die er selber als ‚wissenschaftliche Goldader‘ bezeichnete und die ihm viel Anerkennung und wissenschaftliche Freu(n)de bereitete. Ja, Hans Heldt liebte die wissenschaftliche Arbeit, insbesondere die freie Forschung, die keinen äußeren wissenschaftlich-organisatorischen Zwängen unterlag. Man kann sagen, dass er die Großprojekte SFBs, GRKs u.a. bewusst mied, weil deren Regularien zu viel inhaltliche und organisatorische Einschränkungen bedeuteten, und dass er diese (erzwungenen) Netzwerke nicht automatisch für gleichbedeutend mit konstruktiven Kooperationen hielt. Seine vielfältigen gelebten nationalen und internationalen Kooperationen waren sein Erfolgsrezept für sein außergewöhnlich effektives wissenschaftliches Arbeiten und seine Errungenschaften.

Seine wissenschaftliche Tätigkeit erforderte es immer wieder auch methodisches Neuland zu betreten, um die brennenden biochemischen Fragen seines Forschungsgebietes so exakt wie möglich beantworten zu können. Häufig waren es gerade diese Methoden (z.B. Nicht-wässrige Fraktionierung, Silikon-Ölzentrifugation zur Metabolitenbestimmung, Aphiden-Technik zur Bestimmung der Metabolite im Phloem) die zu neuen wichtigen wissenschaftlichen Erkenntnissen führten und nicht minder wichtig, immer neue nationale und internationale Kooperationen beförderten, wie etwa mit David Walker, UK; Ulrich Heber, Deutschland; Erwin Latzko, Deutschland; Bob Buchanan, USA; Hal Hatch und Barry Osmond, Australien.

Im Göttinger Labor initiierte er immer wieder neue Forschungsrichtungen und unterstützte damit die Nachwuchswissenschaftler

  • Ulf-Ingo Flügge setzte die Arbeiten an den Translokatoren an der Uni Köln fort,
  • Mark Stitt (MPI-Golm) und Dieter Heineke (Uni Göttingen) studierten die verschiedenen Regulationen des C-Metabolismus im Cytosol und Plastiden
  • Gertrud Lohaus spezialisierte sich auf Aminosäure- und Zuckeranalysen in verschiedenen Phloemsäften (jetzt Uni Wuppertal),  
  • Sigrun Reumann etablierte die Peroxisomenforschung (jetzt Uni Hamburg).

Unabhängig von seinem Forschungsfeld ermöglichte er es Katharina Pawlowski (jetzt Uni Stockholm) ihre Wurzelknöllchen-Forschung und mir, Birgit Piechulla, meine molekuarbiologischen Arbeiten zur circadianen Uhr in Pflanzen fortzusetzen.

Hans Heldt war froh, dass er in einer Zeit forschen durfte, wo es nicht um Impact- oder h-Faktoren ging, er hatte keine Nature- oder Science-Publikationen, diese waren ihm nicht wichtig, aber er stand für solide und exakte wissenschaftliche Arbeiten, die in renommierten Fachjournalen veröffentlicht wurden, die auch heute noch recht häufig zitiert werden.

HW Heldt war auch ein sehr guter Lehrer, der durch sein Abstraktionsvermögen, Studierenden komplizierte Sachverhalte vereinfacht und plausibel darstellen konnte. Daraus resultierte auch das Lehrbuch Pflanzenbiochemie, das derzeit das einzige zu diesem Thema auf dem deutschen Markt ist. Es erscheint in sechs Sprachen (deutsch, englisch, chinesisch, japanisch, russisch, türkisch) und ist meines Wissens das am weitesten verbreitete Pflanzenbiochemiebuch. Seine erste Auflage erschien 1996.

Hans Heldt war zusammen mit Erwin Beck und Erwin Latzko Mitbegründer der Wallenfelser Rundgespräch der Photosynthese/Pflanzenbiochemie, einem wissenschaftlichen Treffen, das mit seinen eigenen speziellen Regeln zu einer sehr wichtigen Plattform für konstruktiven Gedanken-Austausch auf dem Gebiet Pflanzenbiochemie geworden ist. Er nahm bis ins hohe Alter an diesem jährlich stattfinden Treffen teil (letztmalig 2016). 2019 fand dieses 36. Treffen vom 23.-25. Mai kurz nach seinem Tode statt.

An Auszeichnungen für Hans Heldt sind folgende zu nennen:

  • 1980: Miller Professor, University Urbana;
  • 1982: Research Fellow of the Royal Society of the University of Sheffield;
  • 1990: Gewähltes Mitglied der Akademie der Wissenschaften;
  • 1993: Max-Planck-Preis, Alexander von Humboldt-Stiftung;
  • 1996: Award of the ASPB sowie der Australien Society of Plant Physiologists;
  • 2002 Guest Professor Delhi and Hyderabad (India)

Am Ende noch ganz persönliche Bemerkungen. Man kann sagen er ist ‚auf dem Boden‘ geblieben, immer menschlich und nahbar, nicht arrogant oder abgehoben und hat sich dafür eingesetzt, dass viele weibliche Doktorandinnen promovieren und habilitieren konnten. Das habe ich ihm immer hoch angerechnet. Dafür danke ich ihm ganz besonders.

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Birgit Piechulla, Lehrstuhl Biochemie, Universität Rostock, im Juli 2019
zusammen mit Mark Stitt, Ulf-Ingo Flügge, Dieter Heineke, Gertrud Lohaus, Katharina Pawlowski,  Sigrun Reumann


Hans-Walter Heldt an seinem 80. Geburtstag. Foto: Birgit Piechulla