07. April 2008 · Actualia

Nachruf: Dietrich von Denffer (1914- 2007)

"Seit dem Sommer 1922, nach dem Fund eines kleinen einheimischen Nashornkäfers und eines tropisch-farbenprächtigen Blattkäfers, begeisterter Koleopterologe und Terrario-Aquarianer. Als Primaner, nach Begegnung mit dem Werk Ernst Haeckels, Konzeption eines Stammbaum-Museums, in dem Beispiele aller Tier- und Pflanzenstämme, von den Protisten im Keller bis zum Homo sapiens im Turmgeschoss, stammesgeschichtlich geordnet ihren Platz finden sollten."

Mit diesen Sätzen beginnt Dietrich v. Denffer seine Autobiographie für die Galerie der 17 Strasburger-Autoren im Jubiläumsband [i].

Ein Nachruf von Prof. Dr. Friedrich-Wilhelm Bentrup, Salzburg, auf den Wissenschaftler Dennfer.

Dietrich v. Denffer wurde 1914 in Rostock geboren und beendete seine Schulzeit 1933 mit dem Abitur in Göttingen. Das anschließende Studium der Naturwissen¬schaften absolvierte er von 1933 bis 1938 in Greifswald und Göttingen.

Mit einer Studie „Über das Zusammenwirken von Jarovisation (Vernalisation) und Photoperiodismus auf die Entwicklung von Sinapis und Hordeum“ wurde er 1939 bei Richard Harder in Göttingen promoviert. 1940 bis 1944 leistete er Kriegsdienst, zeitweilig auch als Sanitätsunteroffizier im Feldlaboratorium einer Heeressanitätsabteilung im Raum von Stalingrad. 1944 wurde er aus dem aktiven Wehrdienst nach Göttingen entlassen, um dort die Grundlagen für eine planktische Massenkultur fettbildender, eigentlich benthisch lebender Diatomeen zu entwickeln. Die Ergebnisse, gewonnen an Navicula und Nitzschia, wurden Gegenstand seiner Habilitationsschrift [ii].

Neuanfang in Gießen

1951 wurde Dietrich v. Denffer als Nachfolger von Ernst Küster auf den Gießener Lehrstuhl für Botanik berufen und zum Direktor des Botanischen Institutes und Botani¬schen Gartens bestellt. Der Gießener Lehrstuhl zählt zu den traditionsreichen botanischen Lehrstühlen [iii]. Wissenschaftlich brachte D. v. Denffer  aus Göttingen die damals offene Frage mit, ob die Blütenbildung durch ein hypothetisches Hormon (Florigen) induziert oder vielmehr durch Auxine gehemmt wird [iv]. Mit dieser Frage
befassten sich 6 der 14 Dissertationen, die von 1952 bis 1961 unter seiner Anleitung entstanden und in 9 Arbeiten in Planta publiziert wurden. Die ersten Arbeiten, ermöglicht von Robert Feulgen am Physiologisch-Chemischen Institut, befassten sich mit Nachweis und Abbau von Indolderivaten [v], spätere Arbeiten mit der Rolle der Vernalisation an Gerste [vi] und Zuckerrübe [vii]. Heute wissen wir, dass die Umschaltung von der vegetativen auf die reproduktive Phase durch Integration fördernder und hemmender Signalwege erfolgt, wobei Photoperiode, Lichtqualität,  Gibberellin und, konditionierend, die Vernalisation zusammenwirken [viii].

Neues Botanisches Institut

In den Jahren 1952 bis 1960 oblag Dietrich v. Denffer Planung und Neubau des Botanischen Institutes. Das Institut wurde 1961 mit einem internationalen Gibberellin-Symposium eingeweiht. In den folgenden Jahren holte er Dozenten und Assistenten nach Gießen, die schließlich auf Lehrstühle berufen wurden: Lore Steubing, Klaus Raschke, Helmut Schraudolf, Focko Weberling und Andreas Bertsch; für Lore Steubing (sie hatte einen Ruf nach Zürich) wurde, erstmals an einer deutschen Universität, in Gießen ein Lehrstuhl für Experimentelle Pflanzenökologie eingerichtet.

Gießen oder Würzburg?

1956 erhielt Dietrich v. Denffer einen Ruf auf den Würzburger Lehrstuhl für Botanik und Pharmakognosie. Wie in Gießen hätte er auch in Würzburg den Neubau eines Botanischen Institutes planen müssen. Er lehnte den Ruf ab und schrieb dem enttäuschten Würzburger Emeritus H. Burgeff:
"Durch den Krieg und die Gießener Aufbauarbeit habe ich bereits gut zehn Jahre meines Lebens verloren. Ich glaube, Sie werden verstehen, und es mir nicht verdenken, wenn ich das Bedürfnis habe, diese wissenschaftlich unfruchtbare Periode so bald wie möglich zu Ende zu bringen und mich wieder meinem eigentlichen Beruf zuzuwenden."

Botanischer Garten von 1609

Sein besonderes Engagement galt der Wiederherstellung des ebenfalls zerstörten  Botanischen Gartens – der 1609 gegründete Gießener Garten ist nördlich der Alpen der einzige am ursprünglichen Standort verbliebene! Dietrich v. Denffer gab dem Garten ein neues Gesicht durch den Neubau der Gewächshäuser und durch neue Abteilungen [ix]. So schuf er, orientiert am Vorbild der Botanischen Gärten in Graz und München, auch eine historisch gegliederte Nutzpflanzenabteilung sowie Abteilungen mit Heil- und Giftpflanzen. In den Jahren 1957 bis 1966 war er Gastgeber für sommerliche Serenaden, die am Jahrestag der Universitätsgründung veranstaltet wurden. Für Angehörige der Universität und geladene Gäste spielte das Collegium musicum Programme, die bis zu einer Mozart-Sinfonie und dem Brandenburgischen Konzert Nr. 3 von J.S. Bach reichten.

Neue Fächer in einer neuen Fakultät

Der Botaniker Dietrich v. Denffer und der 1952 berufene Zoologe Wulf Emmo Ankel planten federführend den Ausbau der Giessener Biowissenschaften, und zwar hinsichtlich der Lehramtsausbildung auch mit Lehrstühlen für Genetik, Anthropologie und Philosophische Grundlagen der Biowissenschaften [x]. Als 1964/65 der Diplomstudiengang Biologie eingeführt wurde, übernahm Dietrich v. Denffer die Federführung für eine bundesweit einheitliche Regelung.

Im Jahr 1957 erlangte die Justus-Liebig-Hochschule für Boden¬kultur und Veterinärmedizin wieder den Status der 1607 gegründeten Universität; die Naturwissenschaftliche Fakultät wurde erweitert zu einer Naturwissenschaftlich-Philosophischen Fakultät, und Dietrich v. Denffer war ihr Gründungsdekan. In seiner luziden Geschichte der Universität Gießen schreibt Peter Moraw [xi]:

„Könnte man für einen Augenblick die Geschichte der Justus-Liebig-Universität von 1957 an isolieren, so wäre sie zur kleinen Spitzengruppe der wirklich gelungenen Neuschöpfungen der späteren Nachkriegszeit zu rechnen.“  Wulf Emmo Ankel und Dietrich v. Denffer mögen wesentlich zu dieser Einschätzung beigetragen haben.

Umbruch 1968/1970

Der Umbruch 1968/70 an den Universitäten war für viele Universitätslehrer, so auch für Dietrich v. Denffer, eine große persönliche Herausforderung. Das fachliche Konzept [xii] war nicht mehr gefragt; vielmehr gefragt waren und zügig ernannt wurden „Professoren an einer Universität“, damit das riesige botanische Unterrichtspensum in den Gießener NC-Fächern Biologie, Medizin und Veterinärmedizin sowie in den Agrarwissenschaften bewältigt werden konnte. Gesundheitlich angeschlagen, beantragte der 61-jährige seine Versetzung in den Ruhestand. Mit Schreiben vom 20. Juni 1975 an „Herrn Dr. Dietrich v. Denffer, Professor an einer Universität“ genehmigte der Hessische Kultusminister den Antrag. Glücklicherweise waren dem 1951 berufenen ordentlichen Professor dann aber noch über drei Jahrzehnte bei auskömmlicher Gesundheit geschenkt.

25 Jahre Strasburger-Autor

1958 hatte Dietrich v. Denffer mit der 27. Auflage von Hans Fitting (Bonn), bei dem er 1939/1940 Assistent gewesen war, im Strasburger die Einleitung und den Teil Morphologie [xii] übernommen und hat diese Kapitel bis zur 32. Auflage 1983 bearbeitet. In dieser Zeitspanne entwickelte sich die lichtmikroskopisch basierte Cytologie zur multidisziplinären Zellbiologie. Elektronenmikroskopie und präparative Biochemie revolutionierten unser Bild von der Pflanzenzelle und nötigten den Bearbeiter bei jeder Neuauflage zu aufwändiger Revision; in der 27. Auflage 1958 bezeichneten, beispielshalber, Zellwand und Zellmembran noch synonym die Zellwand; Plasmalemma und Tonoplast waren imaginäre Plasmahäute. 20 Jahre später ist die Kompartimentierung der Zelle durch organell¬spezifisch dotierte Biomembranen bereits Lehrstoff im  Strasburger (31. Auflage 1978). Dietrich v. Denffer gehörte außerdem von 1970 bis 1985 zu den Herausgebern der Beiträge zur Biologie der Pflanzen.
Bis ins hohe Alter blieb Dietrich v. Denffer ein kenntnisreicher, weit gespannt interessierter Gesprächs¬partner. Viele Jahre betreute er in sehr anrührender Weise seine an Alzheimer-Demenz erkrankte Frau, sie starb 1992. Am 22. Dezember 2007 starb er in dem Haus, das er 1961 neben dem Botanischen Institut in der Senckenbergstraße bezogen hatte. Die Deutsche Botanische Gesellschaft wird Dietrich v. Denffer ein ehrendes Andenken bewahren.

Text : Friedrich-Wilhelm Bentrup (Salzburg)
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[i] 100 Jahre Strasburgers Lehrbuch der Botanik für Hochschulen 1894-1994. Gustav Fischer Verlag Stuttgart  1994, p.72 .
[ii] D. v. Denffer: Die planktische Massenkultur pennater Grunddiatomeen. Arch. Mikrobiol. 14 (1948) 159-202.
[iii] F.-W. Bentrup: Botanik in Giessen. Botanica Acta 102 (1989): A8-A11.
[iv] D. v. Denffer: Blühhormon oder Blühhemmung ? Neue Gesichtspunkte zur Physiologie der Blütenbildung. Naturwissenschaften 37 (1950) 296-301 und 317-321.
[v] D. v. Denffer, M. Behrens, A. Fischer: Papierchromatographischer und papier¬elektrophoretischer  Nachweis des ß-Indolacetonitrils und des ß-Indolaldehyds in Extrakten aus Kohlpflanzen. Naturwissenschaften 39 (1952) 550-551.
[vi] G. Schneider: Biochemische und entwicklungsphysiologische Untersuchungen zur Frage des Schossens und der Blütenbildung der Zuckerrübe I. Planta 55 (1960) 669-686; II. Planta 56 (1961) 322-347.
[vii] G. Sparmann: Morphologische und biochemische Untersuchungen an vernalisierten und nicht vernalisierten Gerstenpflanzen. Planta 56 (1961) 447-474; Planta 57 (1961) 176-201.
[viii] G. G. Simpson, C. Dean: Arabidopsis, the Rosetta Stone of flowering time ? Science 296 (2002) 285-289.
[ix]  D. v. Denffer: 350 Jahre Giessener Botanischer Garten. Giessener Hochschulblätter 7 (1959)  11-16.
[x] D. v. Denffer: Biologie. Giessener Universitätsblätter XV (1982) 39-61.
[xi] P. Moraw: Kleine Geschichte der Universität Gießen 1607-1982, p.243. Verlag der Ferber’schen Universitäts-Buchhandlung Gießen 1982.
[xii] D. v. Denffer: Einleitung und Morphologie, pp.174. In: Lehrbuch der Botanik. 27. Auflage Gustav Fischer Stuttgart 1958.


Dietrich von Denffer. Foto: Enno von Denffer