21. November 2017 · Actualia · Tagungsbericht

Botanikertagung 2017: Dänische und internationale Perspektive

„Pflanzenwissenschaften in einer sich wandelnden Welt“, war das Motto, unter dem die diesjährige Botanikertagung vom 17. bis zum 21. September an der Christian-Albrechts-Universität (CAU) in Kiel stattfand. Erstmals war die Tagung in enger Kooperation mit dänischen Kollegen durchgeführt worden, die vom interdisziplinären Konzept begeistert waren. Tagungspräsidentin Professorin Karin Krupinska berichtet in ihrer Tagungsnachlese außerdem von den Vorteilen für Nachwuchswissenschaftler und warum der interdisziplinäre Austausch wichtig bleibt, um die Zukunft zu sichern.

Von den 470 Teilnehmern der Tagung, die die DBG im zweijährigen Turnus veranstaltet, kamen 20 Prozent aus dem Ausland und fast die Hälfte aus Übersee. Die Kollegen aus dem benachbarten Dänemark hielten Vorträge und waren auch an der Organisation der Symposien beteiligt. Am ersten Tag fand ein Symposium zum Andenken an Prof. Diter von Wettstein statt, der mehr als 20 Jahre am Carlsberg-Forschungszentrum in Kopenhagen gewirkt hatte und am 13. April 2017 verstarb. Er hatte unzählige Schüler, von denen viele Professuren in Dänemark und Deutschland innehaben. Sechs Vorträge deckten wesentliche Aspekte seiner umfassenden Forschungsaktivitäten ab: Photosynthese, Entwicklung des Gerstenkorns, Speicherproteine, Hefe-Genetik sowie biotechnologische Ansätze.

Internationale Bühne

Für internationales Flair sorgten 21 Vortragende, die aus Übersee und dem europäischen Ausland angereist waren. 17 Plenarvorträge international ausgewiesener Experten sorgten für ein hohes wissenschaftliches Niveau der Tagung. Der persönlich wie wissenschaftlich eindrucksvolle Vortrag von Katayoon Dehesh von der University of California Riverside (USA) war ihrem Mentor Klaus Apel gewidmet, der von 1982 bis 1990 Professor am Botanischen Institut der CAU zu Kiel war und der am 30. Juni verstorben war.

Am Montagabend trug Andreas Graner, der Direktor des Leibniz-Instituts für Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben, in einer öffentlichen Veranstaltung über die globale Ernährungssicherung vor. Im Anschluss gab es eine Podiumsdiskussion zum Thema. Eine Ausstellung zu den Schätzen des Kieler Universitätsherbariums sowie Exkursionen am Donnerstagnachmittag rundeten das Programm ab.

17 Plenarvorträge und 11 Symposien

Im Fokus der Tagung standen Biodiversität und Ökosysteme, Interaktionen von Pflanzen mit der Umwelt, Evolution, Zellbiologie, Photosynthese, Algen, Organisation und Expression von Genomen, Wachstum und Entwicklung, Naturstoffe und Sekundärstoffwechsel, Biotechnologie sowie Nutzpflanzen. Zusätzlich zu den elf Symposien, die sich diesen vielfältigen Themen widmeten, gab es sieben Workshops zu speziellen Themen, zum Beitrag der Pflanzenwissenschaften zur Züchtung neuer Kulturpflanzen, zur Messung von Biodiversität, zur Phänotypisierung von Pflanzen, zu speziellen methodischen Aspekten.

Angeregt durch interdisziplinären Austausch

Die 40-minütigen Plenarvorträge waren durchgängig gut besucht. Durch die Themenvielfalt konnten sich die Zuhörer einschließlich der eingeladenen Gäste einen breiten Überblick über die aktuellen Forschungsarbeiten in den Pflanzenwissenschaften verschaffen. Der interdisziplinäre Austausch regte einzelne Gastredner an, ihre Vorträge inhaltlich abzuändern. Michael Broberg Palmgren von der Universität Kopenhagen nahm die öffentliche Veranstaltung am Montagabend zum Anlass, überzeugende Ansätze zur Erhöhung der Stressresistenz von Nutzpflanzen durch „Rewilding“ vorzustellen.

In elf Symposien wurde ein breites Spektrum der Pflanzenwissenschaften abgedeckt. Die Symposien fanden am Nachmittag in der Regel in zwei parallelen Sitzungen statt und wurden durch Workshops in der Mittagszeit oder am Abend ergänzt. Durch die geringen zeitlichen Überschneidungen der einzelnen Veranstaltungen war es den Tagungsteilnehmern möglich, sich auch über die Forschungsaktivitäten in Feldern der Pflanzenwissenschaften, die keinen direkten Bezug zu ihren Forschungsarbeiten haben, zu informieren. Zusätzlich zu den 77 Vorträgen in den Symposien präsentierten Wissenschaftler 235 Poster.

Förderung des Nachwuchses

Ein besonderes Ziel der Botanikertagungen ist die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Der Besuch dieser Tagung ist bekanntermaßen für viele junge Wis-senschaftler nicht nur wichtig für den Aufbau ihres wissenschaftlichen Netzwerkes, sondern auch für ihre berufliche Orientierung. Außerdem eignet sich die Tagung dazu, diejenigen kennen zu lernen, denen man später in Berufungskommissionen gegenüber sitzen könnte.

Drei Nachwuchswissenschaftler erhielten Preise, die die DBG mit Unterstützung der Pfeffer-Stiftung und dem Springer-Spektrum-Verlag für besondere wissenschaftliche Leistungen auf dem Gebiet der Pflanzenwissenschaften vergibt. Zusätzlich vergab die DBG zwölf Preise für die besten Poster.

Um den wissenschaftlichen Austausch auch außerhalb des Terminplans der Tagung zu fördern, waren alle Poster über den gesamten Zeitraum der Tagung zugänglich. Zwei Workshops, - zur schriftlichen Abfassung und zur Medienpräsenz von Forschungsarbeiten -, wandten sich gezielt an Nachwuchswissenschaftler.

Aktuelle Herausforderungen erfordern Vernetzung statt Spezialisierung

Das Motto der Tagung wurde von vielen Vortragenden aufgegriffen. So spielten der Klimawandel und die sich daraus ergebenden Anforderungen an die Pflanzenwissenschaften in vielen Vorträgen eine bedeutende Rolle. In Vorträgen zur Biodiversität wurden klimabedingte Veränderungen in Pflanzenpopulationen vorgestellt. Pflanzenphysiologen und Molekularbiologen beschäftigten sich mit der Anpassung an Stressfaktoren, wie Überflutung, Trockenheit und Hitze. Es wurde deutlich, dass wir ein wesentlich besseres Verständnis der Mechanismen brauchen, mit denen sich Pflanzen an eine sich immer schneller verändernde Umwelt anpassen.

Die Forschung an Nutzpflanzen war ein besonderer Schwerpunkt des breit gefächerten Programms und wurde in verschiedenen Symposien unter unterschiedlichen Blickwinkeln thematisiert. Im öffentlichen Abendvortrag stellte Andreas Graner, der Direktor des Leibniz Instituts für Pflanzenforschung in Gatersleben (IPK), die Frage „Können wir mit unseren Nutzpflanzen in 20 Jahren noch die Welt ernähren?“ In der Podiumsdiskussion im Anschluss an den Vortrag diskutierte Andreas Graner mit vier Vertretern aus Grundlagenforschung und angewandten Wissenschaften sowie Gesellschaft (siehe auch: https://www.deutsche-botanische-gesellschaft.de/wochenchronik-aktuell/alle-chroniken-2017-tabelle/dbg-chronik-43-2017/#c10179) unter Leitung von Karl-Josef Dietz, ob und wie die Pflanzenwissenschaft auf die Zunahme der Weltbevölkerung und den Klimawandel reagieren kann. Um Kulturpflanzen mit erhöhter Widerstandskraft gegenüber schnell wechselnden und immer extremer werdenden Umweltsituationen züchten zu können, müssen die Stress-Resistenz-Mechanismen von Pflanzen noch besser erforscht werden. Um das vorhandene Potenzial der Pflanzen zur Anpassung an Umweltfaktoren besser ausschöpfen zu können, muss die oft starke Spezialisierung auf einzelne Modellpflanzen und Methoden zugunsten vernetzter Forschungsansätze aufgegeben werden.

Resümee

Die Kieler Pflanzenwissenschaftler, die die Tagung gemeinsam mit dänischen Kollegen organisiert hatten, freuen sich über das hohe wissenschaftliche Niveau der diesjährigen Botanikertagung. Der wissenschaftliche Austausch war intensiv und brach trotz flotter Musik selbst auf dem „Think-Ship“ nicht ab. Die Stimmung unter den Teilnehmern, Organisatoren und deren Helfern - vorwiegend Doktoranden aus den an der Organisation beteiligten Instituten - war durchweg gut. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Tagung. Die dänischen Kollegen teilten mit, dass mit der Tagung eine Saat gelegt wurde, die in Zukunft in einer engeren Zusammenarbeit aufgehen wird. Da es im Hinblick auf die thematische Vielfalt keine vergleichbare Tagung im skandinavischen Raum gibt, darf bei den kommenden Botanikertagungen vermehrt mit Teilnehmern aus Dänemark gerechnet werden.

Kiel, November 2017
Tagungspräsidentin Karin Krupinska, Botanisches Institut der CAU zu Kiel


Ein Teil der Teilnehmer fand sich in einer Pause zum Gruppenfoto auf dem Campus der Universität Kiel (CAU) zusammen. Foto: Christian-Urban, CAU