05. Juli 2011 · Actualia · Tagungsbericht

Konferenz zur Mitochondrienforschung

Aus 29 Ländern stammten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die im Mai im hessischen Hohenroda die neuesten Trends und Themen der Mitochondrienforschung diskutierten. Auf der Konferenz "International Conference for Plant Mitochondrial Biology 2011 (ICPMB)" streiften sie alle Aspekte von der molekularen Zusammensetzung bis hin zu ökophysiologischen Fragestellungen, über RNA-Edierung, Respiration und Reproduktion. Auch Mitochondrien, die spontan ihr Membranpotential verlieren und in kürzester Zeit regenerieren, wurden vorgestellt. Nachdem die vorangegangene Tagung in den Vereinigten Staaten stattgefunden hatte, wird die kommende Konferenz an einem südamerikanischen Ort organisiert.
Eine Tagungsnachlese von Professor Dr. Hans-Peter Braun und Professor Dr. Stefan Binder

Die ICPMB ist die international bedeutendste Tagung, die sich den Pflanzenmitochondrien widmet, ganz besonderen Organellen. Sie wird seit über 30 Jahren in zweijährigem Turnus veranstaltet. Für ihre Durchführung ist keine Fachgesellschaft zuständig, vielmehr wird die ICPMB von einzelnen Wissenschaftlern organisiert, die auf jeder Konferenz für die jeweils kommende Konferenz ausgewählt werden. Dadurch wechselt auch jedes Mal das Gastgeberland. Veranstaltungsorte in jüngster Zeit waren Perth/Australien (2002), Straßburg/Frankreich (2005), Nara/Japan (2007), Lake Tahoe/USA (2009) und dieses Jahr nun Hohenroda/Hessen. Traditionsgemäß findet die Tagung an einem eher abgelegenen Ort statt, um eine intensive Kommunikation zwischen den Teilnehmern zu fördern.

Das wissenschaftliche Programm der Konferenz umspannte alle Aspekte der Biologie pflanzlicher Mitochondrien von ihrer molekularen Zusammensetzung bis hin zu ökophysiologischen Aspekten (ausführliches Programm, pdf-Datei). An den fünf Konferenztagen wurden in zwölf verschiedenen Sessions mehr als 50 Vorträge dargeboten. Zahlreiche Nachwuchswissenschaftler, die anhand ihrer Abstracts ausgewählt wurden, präsentierten ihre Ergebnisse.

Neue Einblicke in die Physiologie pflanzlicher Mitochondrien

Die Konferenz diente als Forum hochinteressanter Forschungsergebnisse: Professor Ian Small (Perth, Australien) stellte eine neue Theorie zur Evolution der so genannten „RNA-Edierung“ vor, die für Pflanzenmitochondrien typisch ist. Aufwendige Sequenzanalysen deuten darauf hin, dass sich die Notwendigkeit der „RNA-Edierung“ in Pflanzenmitochondrien zur Kompensation UV-induzierter Mutationen etabliert hat, denen Pflanzen in besonderem Maße schutzlos ausgesetzt sind. Auch der biochemische Mechanismus der „RNA-Edierung“, bei dem die Gruppe der für Pflanzenzellen typischen Pentatricopeptid (PPR) Proteine eine bedeutende Rolle spielen, konnte weiter aufgeklärt werden. Dr. Markus Schwärzländer (Oxford, UK) stellt neue in vivo Messmethoden zur Untersuchung pflanzlicher Mitochondrien vor. Er konnte zeigen, dass Mitochondrien spontan ihr Membranpotential verlieren und in kürzester Zeit regenerieren können. Die Bedeutung dieser physiologischen „Pulse“ ist noch unklar, könnte jedoch für Signaltransduktionsprozesse von Bedeutung sein. Schließlich wurde auf der diesjährigen ICPMB erstmals die Kristallstruktur einer Alternativen Oxidase vorgestellt. In einem spannenden Vortrag erläuterte Professor Tony Moore (Sussex University / GB) die funktionellen Implikationen aus den erhaltenen Strukturdaten, die in Zukunft mit gezielten Experimenten überprüfbar sind.

Spontaner Vortrag mit Feedback

Traditionell wird zur ICPMB ein externer Pflanzenwissenschaftler eingeladen, der sich nicht schwerpunktmäßig mit Pflanzenmitochondrien beschäftigt, um den Kongressteilnehmern in Form eines spontanen Abschlussvortrages ein Feedback zu Stärken und Schwächen des Forschungsfeldes zu geben. Prof. Christian Schmitz-Linneweber von der Humboldt Universität Berlin hat diese anspruchsvolle Aufgabe mit großem analytischen Verstand und gleichzeitig sehr unterhaltsam gemeistert!

Als wahrer Glücksfall erwies sich der Hotelpark Hohenroda, der erstmalig für die Durchführung einer wissenschaftlichen Konferenz genutzt wurde. Mitten in der herrlichen Landschaft Osthessens gelegen ist er gleichzeitig abgelegen – und bietet damit einen idealen Rahmen für den intensiven Informationsaustausch zwischen den Konferenzteilnehmern - als auch zentral in Deutschland gelegen. Hohenroda ist unkompliziert über den Bahnhof Fulda und vom internationalen Flughafen in Frankfurt aus zu erreichen. Für das wissenschaftliche Begleitprogramm sind attraktive Ziele nahebei, so die Stadt Eisenach mit der Wartburg und dem Geburtshaus von Johann Sebastian Bach oder der „Point Alpha“ mit einem Museum zu den innerdeutschen Grenzanlagen im „Kalten Krieg“.

Für die Organisation der ICPMB 2013 konnte Professor Daniel Gonzalez (Santa Fe / Argentinien) gewonnen werden. Einzelheiten zu der Konferenz werden im kommenden Jahr bekannt gegeben.

Die Veranstalter danken der Deutschen Botanischen Gesellschaft für die finanzielle Unterstützung der Konferenz!

Hannover und Ulm, im Juli 2011, Professor Dr. Hans-Peter Braun, Institut für Pflanzengenetik, Uni Hannover und Professor Dr. Stefan Binder, Institut Molekulare Botanik, Uni Ulm


An der diesjährigen International Conference for Plant Mitochondrial Biology nahmen 160 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 29 Ländern teil. Foto: Michael Senkler
Der Tagungsort in der "Hessenhalle" Hohenroda war früher eine Reithalle, die nun zu einem modernen Konferenzzentrum umgebaut ist. Ihre Lage offeriert attraktive Ausflugsziele in der Nähe und bot gerade wegen ihrer Abgelegenheit ein ideales Terrain für den intensiven Austausch der Teilnehmenden. Foto: Michael Senkler
Prof. Dr. Christoph Peterhänsel, Leibniz Universität Hannover (rechts), überreicht Anthony Gobert, Strasbourg, den zweiten Posterpreis der Konferenz. Aus insgesamt 84 Beiträgen wurden ferner die Poster von Judith Wienstroer, Düsseldorf (Platz 1), und Christina Rode, Hannover (Platz 3), ausgezeichnet. Foto: Michael Senkler