28. Oktober 2013 · Actualia · Tagungsbericht

Botanikertagung: Fachübergreifender Austausch nimmt zu

In Südwestdeutschland kamen dieses Jahr rund 450 Forscherinnen und Forscher aus allen Disziplinen der Pflanzenwissenschaften zusammen. Tagungspräsident Klaus Harter nennt in seinen Bericht über die Tagung der DBG nicht nur die Themenblöcke der von Ende September bis Anfang Oktober dauernden Tagung, sowie die Chancen, die sich Nachwuchskräften eröffneten, sondern schildert die beiden auffälligsten Trends, die er während der Tagung ausmachte. Ein Foto veranschaulicht, wie Pablo Picassos Bullen-Skizzen das (wissenschaftliche) Verständnis fördern.

Mit rund 450 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gehört die Botanikertagung 2013, die vom 29. September bis 4. Oktober 2013 im Kupferbau der Universität Tübingen stattfand, zwar zu den etwas kleineren Konferenzen in der Reihe dieser Tagungen, was jedoch ihrer wissenschaftlichen Qualität und Internationalität (60 Teilnehmende aus dem Ausland; davon 26 Vortragende) keinen Abbruch tat.

Einfinden in die Themenblöcke

Die ganze Fülle der Pflanzenwissenschaften war in Form von sieben großen Themenschwerpunkten (Zell- und Entwicklungsbiologie, abiotische Interaktionen, biotische Interaktionen, Primär- und Sekundärmetabolismus, Evolution und Ökologie, Neue Methoden und Technologien, Grüne Biotechnologie) vertreten, zu denen jeweils ein Plenary Speaker mit einem 45-minütigen Vortrag einführte [2]. Diese Themenschwerpunkte wurden anschließend in mehr als 50 wissenschaftlichen Sessions vertieft, die jeweils von einem Session Speaker eröffnet und durch weitere Sprecher fortgeführt wurden, die aus den eingereichten Abstracts ausgewählt worden waren. Die Plenary und Session Speakers waren in ihrem Forschungsgebiet international ausgewiesene Expertinnen und Experten aus dem In- und Ausland. Die Eröffnungsvorträge im Plenum sowie in den Sessions erlaubten somit auch fachfremderen Zuhörern ein schnelles und einfaches Einfinden in das gerade dargebotene Forschungsfeld. Da die Sessions in fünf, zeitlich genau parallel ablaufenden Sitzungen organisiert waren, war ein schneller und störungsfreier Wechsel zwischen den Vorträgen gegeben. So war ein ergiebiger zwischendisziplinärer Informationsaustausch möglich, der sich nach den Sessions durch Diskussionen im Foyer und vor den über 280 Postern fortsetzen ließ. Auch während der Poster-Sessions und zwischen den Vorträgen, in den Kaffeepausen und beim mittäglichen und abendlichen Essen war es ein Leichtes, neue fachübergreifende Ideen aufzugreifen, gemeinsam über innovative Projekte nachzudenken und erste Kooperationen anzuschieben.

Gelegenheiten für Nachwuchsforscherinnen und Nachwuchsforscher

Vor dem Hintergrund der relativ geringen Teilnehmerzahl und der über 150 Vorträge bot sich in Tübingen vielen Nachwuchskräften (Doktoranden und Postdoktorandeninnen) die einmalige Gelegenheit, ihre Arbeiten nicht nur in Form eines Posters sondern auch in einem Vortrag der wissenschaftlichen Öffentlichkeit vorzustellen. In einem solchen Umfang war das bislang bei vorausgegangenen Botanikertagungen nicht möglich. Diese Präsentationen boten direkte Ansatzpunkte für intensive Gespräche zwischen den Nachwuchswissenschaftlern selbst sowie zwischen Nachwuchskräften und etablierten Wissenschaftlerinnen.

Trend zur Interdisziplinarität

Obwohl die Themenschwerpunkte eine große Vielfalt an Forschungsrichtungen widerspiegelten, zeigte sich ein Trend: die Grenzen zwischen den wissenschaftlichen Fächern lösen sich zunehmend auf: So widmen sich bisher überwiegend molekular arbeitende Kollegen auf Grund der rasanten Entwicklungen in den Omics- und high-throughput-Technologien zunehmend auch ökologischen und evolutionsbiologischen Themen. Als Beispiel seien die Untersuchungen zur Zusammensetzung und Funktion der Rhizosphäre genannt. Umgekehrt greifen Ökologen und Evolutionsbiologen mehr und mehr auf molekulare Ansätze und Methoden zurück, wie eindrucksvoll in den Arbeiten zu den multi-trophischen Beziehungen zwischen Pflanze-Herbivore-Prädator zu erkennen war. In diesen Kontext ist auch der öffentliche Abendvortrag einzuordnen, in der der Referent, Johannes Krause, die historische Herkunft von humanen und pflanzlichen Pathogenen beschrieb und deren Verwandtschaft mit den heutigen Krankheitserregern erläuterte.

Neue Methoden in den Pflanzenwissenschaften

Als weiterer Trend war festzustellen, dass mehr und mehr quantitative, hoch auflösende zellbiologische und biophysikalische Methoden zur Analyse von zellulären und subzellulären Prozessen auch in die Pflanzenwissenschaften Einzug halten: In Kombination mit quantitativen, physiologischen und morphologischen Daten sind inzwischen Ansätze zur mathematischen Modellierung bestimmter pflanzlicher Prozesse möglich, wie sie während der Tagung beispielhaft vorgestellt wurden (z.B. Modellierung des hormonkontrollierten Wurzelgravitropismus und Wurzellängenwachstums, Blütenmorphologie).

Von Integration und Wechselwirkungen

Summa summarum werden die zunehmende Auflösung disziplinärer Grenzen und die deutliche Verzahnung der Teilgebiete innerhalb den Pflanzenwissenschaften sowie die fortschreitende Integration von konzeptionellen Ansätzen und von neuesten Methoden aus anderen naturwissenschaftlichen Disziplinen (z.B. Informatik, Mathematik, Nanowissenschaften, Physikalische Chemie, Physik) für eine äußerst spannende Zukunft in den Pflanzenwissenschaften sorgen und unser wissenschaftliches Bild über pflanzliche Organismen in ihrer Evolution, Ontogenese und Wechselwirkung mit der belebten und unbelebten Umwelt sicherlich signifikant verändern.

Neue Anwendungen - vielleicht nicht in Europa

Während der diesjährigen Botanikertagung wurde zudem sehr deutlich, wie wichtig grundlagenwissenschaftliche Erkenntnisse für eine erfolgreiche Anwendung sind: So machen etwa erst die Erkenntnisse über die Arbeitsweise der Plastiden-Operons die Konstruktion komplexer Stoffwechselwege sowie die Produktion neuartiger Antibiotika in Chloroplasten möglich und artübergreifende RNAi-Technologien eröffnen neue Wege für eine nachhaltige Schädlingsbekämpfung (Smart Pest Control; Science 2013). Vermutlich werden solche anwendungsbezogenen Forschungsansätze der neuesten Generation in Europa nur schwer durchzusetzen bzw. durchzuführen sein, wenn das derzeit negative Meinungsbild über grüne Biotechnologie in der Öffentlichkeit bestehen bleiben sollte.

Fazit: Niveau und Stimmung

Aus Sicht des Veranstalters, des Zentrums für Molekularbiologie der Pflanzen (ZMBP), war die diesjährige Botanikertagung ein großer Erfolg. Der wissenschaftliche Anspruch lag auf hohem Niveau – nicht nur wegen der renommierten, eingeladenen Sprecherinnen und Sprecher, sondern auch wegen den überwiegend hervorragenden Vorstellungen und Präsentationen der Nachwuchswissenschaftler/Innen. Prima waren auch Atmosphäre und Stimmung, wie wir in zahlreichen Gesprächen und Rückmeldungen erfuhren.

Tübingen, Oktober 2013, Prof. Dr. Klaus Harter, Uni Tübingen Zentrum für Molekularbiologie der Pflanzen (ZMBP)


Tagungspräsident Professor Dr. Klaus Harter, schildert die Trends der Botanikertagung in seinem Abschlussbericht. Foto: Lea Zentgraf
In den Pausen diskutierten Nachwuchskräfte ihre Ergebnisse untereinander sowie mit etablierten Experten. Foto: Lea Zentgraf
Pamela Silver lebt Interdisziplinarität vor: Am Department für synthetische Biologie der Harvard Medical School analysiert sie, wie der Kohlenstofffluss photosynthetisch aktiver Organismen verändert werden kann. Foto: Lea Zentgraf
Enrico Coen veranschaulichte an Hand von Pablo Picassos Abstraktion eines Bullen, wie auch ein biologischer Vorgang auf das Wesentliche reduziert werden muss, um die entscheidende Information zu erfassen. Foto: Lea Zentgraf
Joachim Forner (rechts) nimmt eine Urkunde für sein ausgezeichnetes Poster aus den Händen von Tagungspräsident Klaus Harter entgegen. Foto: Lea Zentgraf.