01. April 2010 · Actualia · Tagungsbericht

Algenforschung: 13. Wissenschaftliche Tagung der Sektion Phykologie

Auf dem Treffen der Sektion Phykologie der DBG vom 14. bis 17. März 2010 kamen mehr als 90 Algenforscherinnen und -forscher auf der Insel Reichenau zusammen, um die jüngsten Trends und neuesten Ergebnisse zu diskutieren. In der Podiumsdiskussion über "Biotechnologie mit Algen", wurde das enorme Potential der Algen erörtert und zugleich deren immer noch zu geringe Nutzung bemängelt. Das Niveau der 77 phykologischen Vorträge und Poster mit verschiedensten Schwerpunkten war dieses Jahr sehr hoch. Da sich auch der Nachwuchs bestens präsentierte, wird die Algenforschung in Deutschland weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Eine Tagungsnachlese von Professor Dr. Ulf Karsten

Vom 14. bis 17. März 2010 fand auf der wunderschönen Insel Reichenau im Bodensee die Tagung der Sektion Phykologie statt. Das Treffen der Algenforscherinnen und –forscher hatte die Konstanzer Arbeitsgruppe um Prof. Peter Kroth organisiert. Von den über 90 Teilnehmern – die meisten waren Doktoranden sowie Master- und Diplom-Studendierende – wurden 61 wissenschaftliche Vorträge und 16 Posterbeiträge präsentiert. Neben den deutschen und österreichischen Phykologen waren auch Kollegen/innen aus Frankreich, Italien, Irland, Schottland, Tschechien und der Ukraine vertreten, so dass etwa die Hälfte der Vorträge auf Englisch gehalten wurde. In den 15minütigen Präsentationen wurde die Vielfalt phykologischer Forschung dargestellt, an die sich viele interessante Diskussionen anschlossen.

Phykologische Vorträge

Neben angewandt-ökologischen Inhalten, wie etwa zur EU-Wasserrahmenlinie und zur Bekämpfung von Algen auf Gebäudeoberflächen, präsentierten die Forscherinnen und Forscher ökophysiologische, zellbiologische, biochemische und molekularbiologische Themen, insbesondere Stressreaktionen gegenüber verschiedenen abiotischen und biotischen Faktoren. Ein weiterer Schwerpunkt waren Themen zur klassischen und molekularen Systematik und Phylogenie bestimmter Algengruppen sowie zur Biodiversität. In zahlreichen Vorträgen wurden zudem Algen als ideale Modellsysteme in der Biotechnologie (Wasserstoffproduktion durch Hydrogenasen, eisstrukturierende Proteine u.ä.), und zur Aufklärung molekularer Mechanismen - wie etwa als Komponenten der biologischen Uhr - dargestellt. Das Auditorium wurde auch über viele neue methodische Ansätze in der Anzuchttechnologie, über Biomasse-Modellierung bis hin zu modernen DNA-Microarrays informiert. Die untersuchten Organismen umfassten Cyanobakterien, Mikro- und Makroalgen aus marinen und limnischen Habitaten sowie aeroterrestrische Algen aus Böden, von Rinden und anthropogenen Hartsubstraten.

Aktivitäten der Sektion

Das wissenschaftliche Programm wurde durch weitere Höhepunkte ergänzt. Am ersten Abend fand die Mitgliederversammlung der Sektion Phykologie statt, auf welcher der 1. Sprecher Peter Kroth und der Schriftführer Burkhard Becker über die Aktivitäten des Vorstandes berichteten. Hervorzuheben sei an dieser Stelle die seit 2006 durchgeführte Wahl der „Alge des Jahres“ durch die Sektion. Die „Alge des Jahres“ wurde jedes Jahr von einer breiten Öffentlichkeit mit großer Resonanz wahrgenommen, und trägt somit ganz deutlich zu einem positiven Image der Algen bei. Weiterhin wird auch die ständig aktualisierte und gut gepflegte Homepage der Sektion intensiv genutzt. Die Anzahl der Sektionsmitglieder hat sich über die letzten Jahre positiv entwickelt.

Bestes Poster: Algenparasiten

Der zweite Tag wurde durch eine Postersitzung aufgelockert. Die Veranstalter hatten einen Fragebogen mit jeweils einer wissenschaftlichen Frage zu jedem Poster ausgearbeitet, welcher jedem Sektionsmitglied mit der Aufforderung zur Beantwortung in die Hand gedrückt wurde. Außerdem sollte auf dem Fragebogen das Lieblingsposter genannt werden. Dieses Quiz steigerte die ohnehin schon angenehme und entspannte Atmosphäre der Tagung. Es gab intensive wissenschaftliche Diskussionen an den Postern, die die Arbeit der Autoren würdigte. Am Abend wurde als bestes Poster der Beitrag von Sebastian Hess (AG Melkonian, Universität Köln) mit dem Titel „Algenparasitäre Protisten“ prämiert.

Diskussion: Das Potential der Algen nutzen

Weiterhin fand am 2. Abend der Tagung eine Round Table Discussion zum Thema „Biotechnologie mit Algen“ statt, an der neben den Sektionsmitgliedern Prof. Ulf Karsten von der Universität Rostock und Prof. Christian Wilhelm von der Universität Leipzig, die Verfahrensingenieurin Ute Ackermann als externe Spezialisten, freigestellt beim VDI, derzeit Karlsruhe Institut für Technologie, und Dr. Martin Ecke, Geschäftsführer Algenprodukte Prof. Steinberg AG, teilnahmen. Die Diskussionsrunde wurde von Peter Kroth moderiert. Nachdem jeder Teilnehmer kurz seine Kernkompetenzen dargestellt hatte, wurde intensiv über Fragen der Nutzung von Algen, bspw. zur Energiegewinnung oder als Produzent wertvoller Inhaltsstoffe diskutiert. Dabei ging es neben Problemen der industriellen Produktion, vor allem um Fragen eines sinnvollen und realistischen Beitrages von Algen bei der Verminderung von klimaschädlichen Treibhausgasen. Trotz unterschiedlicher Meinungen bei spezifischen Fragen, waren sich die Diskussionsteilnehmer darin einig, dass das Potential der Algen bisher immer noch zu wenig biotechnologisch genutzt wird.

Ausgezeichnete Algenforscherinnen und -forscher

Am dritten Tag des Sektionstreffens bildeten sich die Tagungsteilnehmer auf einer Stadtführung in Konstanz kulturhistorisch weiter. Der abendliche Höhepunkt war die Preisverleihung im Bodensee-Naturmuseum, einem exzellenten Ambiente, um den Biomaris-Förderpreis für die beste Master/Diplomarbeit, den Pringsheim-Preis für die beste Doktorarbeit und schließlich die Hans-Adolf von Stosch-Medaille zu vergeben. Das Rahmenprogramm wurde von jungen Musikern eines Roktetts aus Konstanz mit klassischen Kompositionen gestaltet. Der Biomaris-Förderpreis ging an Pia Steinbrücken, Universität Rostock, für ihre Masterarbeit mit dem Titel „Carotenoide in Rotalgen: Chemotaxonomie und Lichtschutzfunktion innerhalb der non-Florideophyceae“. Sonja Werner, Universität Mainz, überzeugte die Jury mit ihrer Doktorarbeit „From green to red – development of hypnozygotes in Chlamydomonas reinhardtii“ und erhielt dafür den Pringsheim-Preis. Und schließlich wurde die Hans-Adolf von Stosch-Medaille für eine wissenschaftliche Persönlichkeit aus der Phykologie an Prof. Dr. Dieter Mollenhauer, dem langjährigen Leiter der limnologischen Außenstelle Lochmühle (Spessart) des Senckenberg Museums Frankfurt, für sein wissenschaftliches Lebenswerk sowie seine Aktivitäten und Verdienste für die Phykologie in Deutschland verliehen. Die Laudatio hielt der langjährige Schüler und Freund Prof. Thomas Friedl, Universität Göttingen, der den persönlichen Werdegang und die wichtigsten wissenschaftlichen Veröffentlichungen, wie auch über die Cyanobakterien-Gattung Nostoc, ausführlich und humorvoll skizzierte. Insbesondere für die jüngeren Sektionsmitglieder war es interessant zu erfahren, dass Dieter Mollenhauer immer einen holistischen Ansatz verfolgte, d.h. seine phykologischen Ergebnisse in einen breiteren Kontext (bspw. zur Geologie, Landschaftsökologie, Siedlungsgeschichte etc.) zu stellen versuchte.

Ehrenvortrag des Medaillen-Trägers

In seinem Ehrenvortrag setzte sich Dieter Mollenhauer mit der Person des Namengebers der Ehrenmedaille gewohnt witzig und kritisch auseinander. Aufgrund vieler persönlicher Begegnungen konnte er die verschiedenen Seiten Hans-Adolf von Stoschs sehr präzise, manchmal ironisch, aber immer sehr sachlich zeichnen, die das Auditorium fesselten. Der gelungene Abend klang mit Getränken und Häppchen in aufgelockerter Atmosphäre aus.

Phykologie als wichtiges Forschungsfeld

Den letzten Tag des Treffens gestalteten überwiegend langjährige Sektionsmitglieder und Seniorwissenschaftler mit wissenschaftlich diversen Vorträgen. Vor dem letzten gemeinsamen Mittagessen fand die allgemeine Verabschiedung statt, auf der die Sektion Phykologie Peter Kroth und seinem Team für diese sehr gelungene Konferenz dankte. Die Qualität sämtlicher wissenschaftlicher Beiträge war in diesem Jahr außergewöhnlich hoch, und der wissenschaftliche Nachwuchs hat sich exzellent dargestellt: Die Phykologie wird auch zukünftig als wichtiges Forschungsfeld in Deutschland kompetent vertreten sein. Peter Kroth und seinem Team sei an dieser Stelle für die zeitaufwendige Organisation, d.h. Auswahl des ausgezeichneten Tagungsortes, einem fantastischen wissenschaftlichen Programm, den vielen Auflockerungen während der Tagung, sowie für die stets freundlichen Hilfestellungen und die stets entspannte und inspirierende Atmosphäre ganz herzlich gedankt. Die Messlatte für zukünftige Sektionstreffen liegt nun sehr hoch.

Rostock, 29. März 2010, Professor Dr. Ulf Karsten