Es geschieht aus Dankbarkeit und Anerkennung, daß die Gesellschaft Gerhard Wagenitz zum Ehrenmitglied ernennt. Nur wenigen unter uns wird es möglich sein, auch nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Hochschullehrerdasein im Bewusstsein der Nachfolgegenerationen zu bleiben wie Gerhard Wagenitz. Mehr noch, vielen ist er zunehmend immer wichtiger: sein „Wörterbuch der Botanik Die Termini in ihrem historischen Zusammenhang“ ziert nicht nur die Bücherregale von Pflanzenwissenschaftlern im In- und Ausland, sondern ist täglicher Arbeitsgegenstand und verlässliche Hilfe.
Gerhard Wagenitz, geboren 1927, studierte Biologie, Physik und Chemie an der Humboldt-Universität Berlin und der Georg-August-Universität Göttingen. Im Jahre 1955 promovierte Gerhard Wagenitz mit einer Arbeit über die „Pollenmorphologie und Systematik in der Gattung Centaurea“ bei Franz Firbas in Göttingen. Diese grundlegende Arbeit erschien im gleichen Jahr in deutscher Sprache in der Flora Bd. 142, bis heute ein internationales Standardwerk.
Lehrer und Meister
Im Anschluß an seine Promotion wechselte Gerhard Wagenitz als Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft für neun Monate nach Wien zu Karl Heinz Rechinger, um anschließend von 1956 bis 1969 in Berlin tätig zu sein. Wichtig in dieser Zeit war ihm Theo Eckardt, der, obwohl Schüler von Wilhelm Troll, eigenständige Wege in der Morphologie und Anatomie der Blütenpflanzen ging, ein Meister in der Herstellung schwierigster mikrotechnischer Serienschnitte war, aber auch Interesse an der Fachgeschichte der Botanik hatte. In seinen „Erinnerungen an die Botanik in Berlin nach 1945 und Theo Eckardt“ (erschienen 1999) zeigt uns Gerhard Wagenitz einfühlsam seine Wertschätzung seines Lehrers.
In Berlin war Gerhard Wagenitz zuerst wissenschaftlicher Assistent am Institut für Systematische Botanik und Pflanzengeographie der FU Berlin. Seit 1958 dann wissenschaftlicher Angestellter am Botanischen Garten und Botanischen Museum (BGBM) in Berlin-Dahlem und ab 1965-1969 Kustos am BGBM. Auf Anregung Eckarts habilitierte sich Gerhard Wagenitz 1962, die dazugehörige wissenschaftliche Arbeit erschien ein Jahr später 1963 in den Botanischen Jahrbüchern 82: „Die Eingliederung der „Phaeopappus“-Arten in das System von Centaurea“ mit einem Druckumfang von 78 Seiten.
Akademie der Wissenschaften zu Göttingen
1966 erfolgte die Ernennung zum apl. Professor, 1969 dann der Ruf auf die Professur für Systematische Botanik am Systematisch-Geobotanischen Institut der Georg-August-Universität Göttingen, die Gerhard Wagenitz bis zu seiner Emeritierung 1993 vierundzwanzig Jahre lang inne hatte. 1981-1983 war er Vizepräsident der Georgia Augusta, er hat zahlreiche Ehrungen erhalten, vielleicht die wichtigste für ihn bis heute, ohne alle anderen Auszeichnungen herabzuwürdigen, war die Ernennung 1982 zum Ordentlichen Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen.
Die wissenschaftlichen Interessen von Gerhard Wagenitz sind weit gespannt. Neben dem genannten Wörterbuch, für das Gerhard Wagenitz etwa 40 Jahre lang Material sammelte und das auch als CD an den Strasburger geknüft wurde, sind den meisten von uns vor allem die Mitherausgabe und Bearbeitung der „Hegi-Bände“, der Illustrierten Flora von Mitteleuropa bekannt, eine Tätigkeit, die ihn bis heute begleitet und die seine Kenntnis der Pflanzenwelt dokumentiert.
Kernforschungsgebiet: Korbblütler
Zahlreiche Veröffentlichungen aus seinem Kernforschungsgebiet zum Thema der Verwandtschaft von Korbblütlern, den Asteraceae, haben ihn zu einem der führenden Pflanzensystematiker weltweit, bis heute, für diese umfangreiche und schwierige Gruppe gemacht.
Ein weiteres Kennzeichen seiner Arbeiten ist das Interesse an Terminologie und Geschichte der Botanik, die erste Veröffentlichung hierzu findet sich bereits 1960 zu Joseph Bornmüller. Kaum einer ist unter uns, der hier nicht seine Kenntnisse in Anspruch genommen hat, zahlreiche hochrangige Veröffentlichungen, oft in Verbindung zur Göttinger Universitätsgeschichte, belegen seine Anerkennung auf diesem Grenzgebiet zu den Geisteswissenschaften, eben einem Mitglied der Göttinger Akademie angemessen.
Keine Halbwertszeit für Veröffentlichungen
Bisher hat Gerhard Wagenitz mehr als 150 wissenschaftliche Veröffentlichungen vorgelegt, ein Blick in den Science Citation Index zeigt, dass eine Halbwertszeit für eine Reihe von Veröffentlichungen nicht existent scheint, besonders hervorzuheben sind hier neben der erwähnten Dissertation von 1955 die 1959 in den Botanischen Jahrbüchern erschienene Arbeit „Zur systematischen Stellung der Rubiaceae“, 1976 bei Plant Systematics & Evolution: „Systematics and Phylogeny of the Compositae (Asteraceae), 1992 „The Asteridae: evolution of a concept and its present status“ in Annals of the Missouri Botanical Gardens, sowie 1997: „The impact of molecular methods on the systemtics of angiosperms“ in Botanica Acta.
Der Alumnus-Gedanke ist für Gerhard Wagenitz selbstverständlich, viele seiner Schüler halten Kontakt zu ihm und umgekehrt. Neben seiner leider vor wenigen Wochen verstorbenen Frau Ruth Wagenitz, seinen drei Kindern und fast zahllosen Enkelkindern gehören und gehörten Freunde, Mitarbeiter und Schüler zu seiner Familie, vielleicht allen voran sein Freund seit Studientagen und ebenfalls Ehrenmitglied der DBG, Prof. Otto Lange aus Würzburg, sowie seine langjährige Mitarbeiterin in Göttingen, Frau Dr. Ursula Hofmann, die vielen von uns bekannt war und tragisch 2004 kurz nach ihrer Pensionierung auf einer Exkursion tödlich verunglückte.
Seine Studenten am Coputer verblüfft
Legendär unter Studenten ist die Begeisterungsfähigkeit von Gerhard Wagenitz für computertechnische Neuerungen, insbesondere, um seine Datenmassen zu strukturieren. Er besaß wohl den ersten Computer am Systematisch-Geobotanischen Institut in Göttingen überhaupt und konnte manchen Studenten verblüffen, indem er, der eben noch lateinische Pflanzendiagnosen Linnés übersetzt hatte, seine Mitarbeiter theoretisch und praktisch unterstützte bei der Programmierung von Datenbanken.
Diese Überraschungsfähigkeit und Lebendigkeit, die auf enormem Wissen beruht, aber auch die Einfühlsamkeit seinen Mitarbeitern und Freunden gegenüber, oder wie es sein Lehrer Theo Eckardt in der Laudatio auf Kurt Wein ausdrückte: „Jung im Geist und hilfreich die studentische Jugend fördernd, bescheiden in dem Wissen um die Unvollkommenheit all unseres Strebens“ machen uns froh, Gerhard Wagenitz als Ehrenmitglied in unserer Gesellschaft zu wissen. Unser Wunsch ist es, daß ihm noch reichlich Zeit gegeben ist, seinen Interessen am, wie es sein Berliner Vorgänger Adelbert von Chamisso im Peter Schlemihl beschrieb: „sonnengewirkten Kleid der Erde“, den Pflanzen und ihrer Geschichte nachzugehen.
Text und Copyright:
Prof. Dr. Volker Wissemann